Also sprach Zarathustra: Ein Buch für Alle und Keinen

By Friedrich Nietzsche

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wenig Gift ab und zu: das macht angenehme Träume. Und viel Gift
zuletzt, zu einem angenehmen Sterben.

Man arbeitet noch, denn Arbeit ist eine Unterhaltung. Aber man sorgt
dass die Unterhaltung nicht angreife.

Man wird nicht mehr arm und reich: Beides ist zu beschwerlich. Wer
will noch regieren? Wer noch gehorchen? Beides ist zu beschwerlich.

Kein Hirt und Eine Heerde! Jeder will das Gleiche, Jeder ist gleich:
wer anders fühlt, geht freiwillig in's Irrenhaus.

"Ehemals war alle Welt irre" - sagen die Feinsten und blinzeln.

Man ist klug und weiss Alles, was geschehn ist: so hat man kein Ende
zu spotten. Man zankt sich noch, aber man versöhnt sich bald - sonst
verdirbt es den Magen.

Man hat sein Lüstchen für den Tag und sein Lüstchen für die Nacht:
aber man ehrt die Gesundheit.

"Wir haben das Glück erfunden" - sagen die letzten Menschen und
blinzeln -

Und hier endete die erste Rede Zarathustra's, welche man auch "die
Vorrede" heisst: denn an dieser Stelle unterbrach ihn das Geschrei und
die Lust der Menge. "Gieb uns diesen letzten Menschen, oh Zarathustra,
- so riefen sie - mache uns zu diesen letzten Menschen! So schenken
wir dir den Übermenschen!" Und alles Volk jubelte und schnalzte mit
der Zunge. Zarathustra aber wurde traurig und sagte zu seinem Herzen:

Sie verstehen mich nicht: ich bin nicht den Mund für diese Ohren.

Zu lange wohl lebte ich im Gebirge, zu viel horchte ich auf Bäche und
Bäume: nun rede ich ihnen gleich den Ziegenhirten.

Unbewegt ist meine Seele und hell wie das Gebirge am Vormittag. Aber
sie meinen, ich sei kalt und ein Spötter in furchtbaren Spässen.

Und nun blicken sie mich an und lachen: und indem sie lachen, hassen
sie mich noch. Es ist Eis in ihrem Lachen.


6.

Da aber geschah Etwas, das jeden Mund stumm und jedes Auge starr
machte. Inzwischen nämlich hatte der Seiltänzer sein Werk begonnen:
er war aus einer kleiner Thür hinausgetreten und gieng über das Seil,
welches zwischen zwei Thürmen gespannt war, also, dass es über dem
Markte und dem Volke hieng. Als er eben in der Mitte seines Weges war,
öffnete sich die kleine Thür noch einmal, und ein bunter Gesell, einem
Possenreisser gleich, sprang heraus und gieng mit schnellen Schritten
dem Ersten nach. "Vorwärts, Lahmfuss, rief seine fürchterliche Stimme,
vorwärts Faulthier, Schleichhändler, Bleichgesicht! Dass ich dich
nicht mit meiner Ferse kitzle! Was treibst du hier zwischen Thürmen?
In den Thurm gehörst du, einsperren sollte man dich, einem Bessern,
als du bist, sperrst du die freie Bahn!" - Und mit jedem Worte kam er
ihm näher und näher: als er aber nur noch einen Schritt hinter ihm
war, da geschah

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Die stillste Stunde Dritter Theil Der Wanderer Vom Gesicht und Räthsel Von der Seligkeit wider Willen Vor Sonnen-Aufgang Von der verkleinernden Tugend Auf dem Ölberge Vom Vorübergehen Von den Abtrünnigen Die Heimkehr Von den drei Bösen Vom Geist der Schwere Von alten und neuen Tafeln Der Genesende Von der grossen Sehnsucht Das andere Tanzlied Die sieben Siegel (Oder: das Ja- und Amen-Lied) Vierter und letzter Theil Das Honig-Opfer Der Nothschrei Gespräch mit den Königen Der Blutegel Der Zauberer Ausser Dienst Der hässlichste Mensch Der freiwillige Bettler Der Schatten Mittags Die Begrüssung Das Abendmahl Vom höheren Menschen Das Lied der Schwermuth Von der Wissenschaft Unter Töchtern der Wüste Die Erweckung Das Eselsfest Das Nachtwandler-Lied Das Zeichen Erster Theil Zarathustra's Vorrede.
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Aber der Gerechte ist Gluth und Kohle!" Die Stunde, wo ihr sagt: "Was liegt an meinem Mitleiden! Ist nicht Mitleid das Kreuz, an das Der genagelt wird, der die Menschen liebt? Aber mein Mitleiden ist keine Kreuzigung.
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Jenseits des Menschen in Wahrheit? Ach, ihr Brüder, dieser Gott, den ich schuf, war Menschen-Werk und -Wahnsinn, gleich allen Göttern! Mensch war er, und nur ein armes Stück Mensch und Ich: aus der eigenen Asche und Gluth kam es mir, dieses Gespenst, und wahrlich! Nicht kam es mir von Jenseits! Was geschah, meine Brüder? Ich überwand mich, den Leidenden, ich trug meine eigne Asche zu Berge, eine hellere Flamme erfand ich mir.
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Und auch mir, der ich dem Leben gut bin, scheinen Schmetterlinge und Seifenblasen und was ihrer Art unter Menschen ist, am meisten vom Glücke zu wissen.
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Viel zu Viele leben und viel zu lange hängen sie an ihren Ästen.
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Seine Seele aber wurde voll von Ungeduld und Begierde nach Denen, welche er liebte: denn er hatte ihnen noch Viel zu geben.
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Ach, wie übel ihnen das Wort "Tugend" aus dem Munde läuft! Und wenn sie sagen: "ich bin gerecht," so klingt es immer gleich wie: "ich bin gerächt!" Mit ihrer Tugend wollen sie ihren Feinden die Augen auskratzen; und sie erheben sich nur, um Andre zu erniedrigen.
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Denn so spricht die Tugend: musst du Diener sein, so suche Den, welchem dein Dienst am besten nützt! "Der Geist und die Tugend deines Herrn sollen wachsen, dadurch dass du sein Diener bist: so wächsest du selber mit seinem Geiste und seiner Tugend!" Und wahrlich, ihr berühmten Weisen, ihr Diener des Volkes! Ihr selber wuchset mit des Volkes Geist und Tugend - und das Volk durch euch! Zu euren Ehren sage ich das! Aber Volk bleibt ihr mir auch noch in euren Tugenden, Volk mit blöden Augen, - Volk, das nicht weiss, was _Geist_ ist! Geist ist das Leben, das selber in's Leben schneidet: an der eignen Qual mehrt es sich das eigne Wissen, - wusstet ihr das schon? Und des Geistes Glück ist diess: gesalbt zu sein und durch Thränen geweiht zum Opferthier, - wusstet ihr das schon? Und die Blindheit des Blinden und sein Suchen und Tappen soll noch von der Macht der Sonne zeugen, in die er schaute, - wusstet ihr das schon? Und mit Bergen soll der Erkennende _bauen_ lernen! Wenig ist es, dass der Geist Berge versetzt, - wusstet ihr das schon? Ihr kennt nur des Geistes Funken: aber ihr seht den Ambos nicht, der er ist, und nicht die Grausamkeit seines Hammers! Wahrlich, ihr kennt des Geistes Stolz nicht! Aber noch weniger würdet ihr des Geistes Bescheidenheit ertragen, wenn sie einmal reden wollte! Und niemals noch durftet ihr euren Geist in eine Grube von Schnee werfen: ihr seid nicht heiss genug dazu! So kennt ihr auch die Entzückungen seiner Kälte nicht.
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Und nicht nur, dass der Befehlende die Last aller Gehorchenden trägt, und dass leicht ihn diese Last zerdrückt: - Ein Versuch und Wagniss erschien mir in allem Befehlen; und stets, wenn es befiehlt, wagt das Lebendige sich selber dran.
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Ich habe euch, meine Kinder! In diesem Haben soll Alles Sicherheit und Nichts Begehren sein.
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Der Mond hat seinen Hof, und der Hof hat seine Mondkälber: zu Allem aber, was vom Hofe kommt, betet das Bettel-Volk und alle anstellige Bettel-Tugend.
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Doch diess hat seine Zeit und sein eigenes Schicksal.
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- Die Heimkehr Oh Einsamkeit! Du meine _Heimat_ Einsamkeit! Zu lange lebte ich wild in wilder Fremde, als dass ich nicht mit Thränen zu dir heimkehrte! Nun drohe mir nur mit dem Finger, wie Mütter drohn, nein lächle mir zu, wie Mütter lächeln, nun sprich nur: "Und wer war das, der wie ein Sturmwind einst von mir davonstürmte? - - der scheidend rief: zu lange sass ich bei der Einsamkeit, da verlernte ich das Schweigen! _Das_ - lerntest du nun wohl? Oh Zarathustra, Alles weiss ich: und dass du unter den Vielen _verlassener_ warst, du Einer, als je bei mir! Ein Anderes ist Verlassenheit, ein Anderes Einsamkeit: _Das_ - lerntest du nun! Und dass du unter Menschen immer wild und fremd sein wirst: -Wild und fremd auch noch, wenn sie dich lieben: denn zuerst von Allem wollen sie _geschont_ sein! Hier aber bist du bei dir zu Heim und Hause; hier kannst du Alles hinausreden und alle Gründe ausschütten, Nichts schämt sich hier versteckter, verstockter Gefühle.
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Mit krummen Blicken - lehrst du mich krumme Bahnen; auf krummen Bahnen lernt mein Fuss - Tücken! Ich fürchte.
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Du fletschest mich lieblich an mit weissen Zähnlein, deine bösen Augen springen gegen mich aus lockichtem Mähnlein! Das ist ein Tanz über Stock und Stein: ich bin der Jäger, - willst du mein Hund oder meine Gemse sein? Jetzt neben mir! Und geschwind, du boshafte Springerin! Jetzt hinauf! Und hinüber! - Wehe! Da fiel ich selber im Springen hin! Oh sieh mich liegen, du Übermuth, und um Gnade flehn! Gerne möchte ich mit dir - lieblichere Pfade gehn! - der Liebe Pfade durch stille bunte Büsche! Oder dort den See entlang: da schwimmen und tanzen Goldfische! Du bist jetzt müde? Da drüben sind Schafe und Abendröthen: ist es nicht schön, zu schlafen, wenn Schäfer flöten? Du bist so arg müde? Ich trage dich hin, lass nur die Arme sinken! Und hast du Durst, - ich hätte wohl Etwas, aber dein Mund will es nicht trinken! - - Oh diese verfluchte flinke gelenke Schlange und Schlupf-Hexe! Wo bist du hin? Aber im Gesicht fühle ich von deiner Hand zwei Tupfen und rothe Klexe! Ich bin es wahrlich müde, immer dein schafichter Schäfer zu sein! Du Hexe, habe ich dir bisher gesungen, nun sollst _du_ mir - schrein! Nach dem Takt meiner Peitsche sollst du mir tanzen und schrein! Ich vergass doch die Peitsche nicht? - Nein!" - 2.
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In ihr darfst du suchen, wen du finden möchtest.
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Diess that Zarathustra; und sobald er auf dem Boden lag, in der Stille und Heimlichkeit des bunten Grases, hatte er auch schon seinen kleinen Durst vergessen und schlief ein.
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Einem Verzweifelnden zuzusprechen - dazu dünkt sich jeder stark genug.
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Denn ihr lerntet nicht, wie ihr euch ergäbet, ihr lerntet die kleinen Klugheiten nicht.
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Nach dem Liede des Wanderers und Schattens wurde die Höhle mit Einem Male voll Lärmens und Lachens; und da die versammelten Gäste alle zugleich redeten, und auch der Esel, bei einer solchen Ermuthigung, nicht mehr still blieb, überkam Zarathustra ein kleiner Widerwille und Spott gegen seinen Besuch: ob er sich gleich ihrer Fröhlichkeit erfreute.