Also sprach Zarathustra: Ein Buch für Alle und Keinen

By Friedrich Nietzsche

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dieser Lust allein mag es
nicht entrathen.

Und wie das Kleinere sich dem Grösseren hingiebt, dass es Lust und
Macht am Kleinsten habe: also giebt sich auch das Grösste noch hin und
setzt um der Macht willen - das Leben dran.

Das ist die Hingebung des Grössten, dass es Wagniss ist und Gefahr und
um den Tod ein Würfelspielen.

Und wo Opferung und Dienste und Liebesblicke sind: auch da ist Wille,
Herr zu sein. Auf Schleichwegen schleicht sich da der Schwächere in
die Burg und bis in's Herz dem Mächtigeren - und stiehlt da Macht.

Und diess Geheimniss redete das Leben selber zu mir. Siehe, sprach es,
ich bin das, was sich immer selber überwinden muss.

"Freilich, ihr heisst es Wille zur Zeugung oder Trieb zum Zwecke,
zum Höheren, Ferneren, Vielfacheren: aber all diess ist Eins und Ein
Geheimniss.

Lieber noch gehe ich unter, als dass ich diesem Einen absagte; und
wahrlich, wo es Untergang giebt und Blätterfallen, siehe, da opfert
sich Leben - um Macht!

Dass ich Kampf sein muss und Werden und Zweck und der Zwecke
Widerspruch: ach, wer meinen Willen erräth, erräth wohl auch, auf
welchen _krummen_ Wegen er gehen muss!

Was ich auch schaffe und wie ich's auch liebe, - bald muss ich Gegner
ihm sein und meiner Liebe: so will es mein Wille.

Und auch du, Erkennender, bist nur ein Pfad und Fusstapfen meines
Willens: wahrlich, mein Wille zur Macht wandelt auch auf den Füssen
deines Willens zur Wahrheit!

Der traf freilich die Wahrheit nicht, der das Wort nach ihr schoss vom
`Willen zum Dasein`: diesen Willen - giebt es nicht!

Denn: was nicht ist, das kann nicht wollen; was aber im Dasein ist,
wie könnte das noch zum Dasein wollen!

Nur, wo Leben ist, da ist auch Wille: aber nicht Wille zum Leben,
sondern - so lehre ich's dich - Wille zur Macht!

Vieles ist dem Lebenden höher geschätzt, als Leben selber; doch aus
dem Schätzen selber heraus redet - der Wille zur Macht!" -

Also lehrte mich einst das Leben: und daraus löse ich euch, ihr
Weisesten, noch das Räthsel eures Herzens.

Wahrlich, ich sage euch: Gutes und Böses, das unvergänglich wäre - das
giebt es nicht! Aus sich selber muss es sich immer wieder überwinden.

Mit euren Werthen und Worten von Gut und Böse übt ihr Gewalt, ihr
Werthschätzenden: und diess ist eure verborgene Liebe und eurer Seele
Glänzen, Zittern und Überwallen.

Aber eine stärkere Gewalt wächst aus euren Werthen und eine neue
Überwindung: an der zerbricht Ei und Eierschale.

Und wer ein Schöpfer sein muss im Guten und Bösen: wahrlich, der muss
ein Vernichter erst sein und Werthe zerbrechen.

Also gehört das höchste Böse zur höchsten

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Text Comparison with Götzen-Dämmerung

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Hier einmal mit dem Hammer Fragen stellen und, vielleicht, als Antwort jenen berühmten hohlen Ton hören, der von geblähten Eingeweiden redet - welches Entzücken für Einen, der Ohren noch hinter den Ohren hat, - für mich alten Psychologen und Rattenfänger, vor dem gerade Das, was still bleiben möchte, laut werden muss.
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"Wie viel hatte ehemals das Gewissen zu beissen? welche guten Zähne hatte es? - Und heute? woran fehlt es?" - Frage eines Zahnarztes.
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in einem Falle aufgegangen, wo ihr am stärksten das gelehrte und ungelehrte Vorurtheil entgegensteht: ich erkannte Sokrates und Plato als Verfalls-Symptome, als Werkzeuge der griechischen Auflösung, als pseudogriechisch, als antigriechisch ("Geburt der Tragödie" 1872), jener consensus sapientium - das begriff ich immer besser - beweist am wenigsten, dass sie Recht mit dem hatten, worüber sie übereinstimmten: er beweist vielmehr, dass sie selbst, diese Weisesten, irgend worin physiologisch übereinstimmten, um auf gleiche Weise negativ zum Leben zu stehn, - stehn zu müssen.
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- Die Erinnerung, die in solchem Falle, ohne unser Wissen, in Thätigkeit tritt, führt frühere Zustände gleicher Art und die damit verwachsenen Causal-Interpretationen herauf, - nicht deren Ursächlichkeit.
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Das verstand die Kirche: sie verdarb den Menschen, sie schwächte ihn, - aber sie nahm in Anspruch, ihn "verbessert" zu haben.
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- Sehen lernen - dem Auge die Ruhe, die Geduld, das An-sich-herankommen-lassen angewöhnen; das Urtheil hinausschieben, den Einzelfall von allen Seiten umgehn und umfassen lernen.
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- John Stuart Mill: oder die beleidigende Klarheit.
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- Für uns Andre steht es anders.
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In Einem Falle wird es mir nicht an einem grossen Anlasse fehlen, meine These zu begründen: ich trage es den Deutschen nach, sich über Kant und seine "Philosophie der Hinterthüren", wie ich sie nenne, vergriffen zu haben, - das war nicht der Typus der intellektuellen Rechtschaffenheit.
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Nichts ist schön, nur der Mensch ist schön: auf dieser Naivetät ruht alle Ästhetik, sie ist deren erste Wahrheit.
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Dass man gegen Mühsal, Härte, Entbehrung, selbst gegen das Leben gleichgültiger wird.
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- Die Dummheit, im Grunde die Instinkt-Entartung, welche heute die Ursache aller Dummheiten ist, liegt darin, dass es eine Arbeiter-Frage giebt.
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Gedrängt, streng, mit so viel Substanz als möglich auf dem Grunde, eine kalte Bosheit gegen das "schöne Wort", auch das "schöne Gefühl" - daran errieth ich mich.
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Dies Alles bedeutet das Wort Dionysos: ich kenne keine höhere Symbolik als diese griechische Symbolik, die der Dionysien.