Also sprach Zarathustra: Ein Buch für Alle und Keinen

By Friedrich Nietzsche

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man immer nur der Schüler
bleibt. Und warum wollt ihr nicht an meinem Kranze rupfen?

Ihr verehrt mich; aber wie, wenn eure Verehrung eines Tages umfällt?
Hütet euch, dass euch nicht eine Bildsäule erschlage!

Ihr sagt, ihr glaubt an Zarathustra? Aber was liegt an Zarathustra!
Ihr seid meine Gläubigen: aber was liegt an allen Gläubigen!

Ihr hattet euch noch nicht gesucht: da fandet ihr mich. So thun alle
Gläubigen; darum ist es so wenig mit allem Glauben.

Nun heisse ich euch, mich verlieren und euch finden; und erst, wenn
ihr mich Alle verleugnet habt, will ich euch wiederkehren.

Wahrlich, mit andern Augen, meine Brüder, werde ich mir dann meine
Verlorenen suchen; mit einer anderen Liebe werde ich euch dann lieben.

Und einst noch sollt ihr mir Freunde geworden sein und Kinder Einer
Hoffnung: dann will ich zum dritten Male bei euch sein, dass ich den
grossen Mittag mit euch feiere.

Und das ist der grosse Mittag, da der Mensch auf der Mitte seiner Bahn
steht zwischen Thier und Übermensch und seinen Weg zum Abende als
seine höchste Hoffnung feiert: denn es ist der Weg zu einem neuen
Morgen.

Alsda wird sich der Untergehende selber segnen, dass er ein
Hinübergehender sei; und die Sonne seiner Erkenntniss wird ihm im
Mittage stehn.

"Todt sind alle Götter: nun wollen wir, dass der Übermensch lebe." -
diess sei einst am grossen Mittage unser letzter Wille! -

Also sprach Zarathustra.




Zweiter Theil

"- und erst, wenn ihr mich Alle verleugnet habt, will ich euch
wiederkehren.

Wahrlich, mit andern _Augen_, meine Brüder, werde ich mir dann meine
Verlorenen suchen; mit einer andern Liebe werde ich euch dann lieben".

Zarathustra, von der schenkenden Tugend



Das Kind mit dem Spiegel

Hierauf gieng Zarathustra wieder zurück in das Gebirge und in die
Einsamkeit seiner Höhle und entzog sich den Menschen: wartend gleich
einem Säemann, der seinen Samen ausgeworfen hat. Seine Seele aber
wurde voll von Ungeduld und Begierde nach Denen, welche er liebte:
denn er hatte ihnen noch Viel zu geben. Diess nämlich ist das
Schwerste, aus Liebe die offne Hand schliessen und als Schenkender die
Scham bewahren.

Also vergiengen dem Einsamen Monde und Jahre; seine Weisheit aber
wuchs und machte ihm Schmerzen durch ihre Fülle.

Eines Morgens aber wachte er schon vor der Morgenröthe auf, besann
sich lange auf seinem Lager und sprach endlich zu seinem Herzen:

Was erschrak ich doch so in meinem Traume, dass ich aufwachte? Trat
nicht ein Kind zu mir, das einen Spiegel trug?

"Oh Zarathustra - sprach das Kind zu mir - schaue Dich an im Spiegel!"

Aber als ich in den Spiegel schaute, da schrie ich auf, und mein Herz
war erschüttert: denn nicht mich sahe ich darin, sondern

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Text Comparison with Menschliches, Allzumenschliches: Ein Buch Fuer Freie Geister

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eine Krankheit zugleich, die den Menschen zerstören kann, dieser erste Ausbruch von Kraft und Willen zur Selbstbestimmung, Selbst-Werthsetzung, dieser Wille zum freien Willen: und wie viel Krankheit drückt sich an den wilden Versuchen und Seltsamkeiten aus, mit denen der Befreite, Losgelöste sich nunmehr seine Herrschaft über die Dinge zu beweisen sucht! Er schweift grausam umher, mit einer unbefriedigten Lüsternheit; was er erbeutet, muss die gefährliche Spannung seines Stolzes abbüssen; er zerreisst, was ihn reizt.
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Das Traumdenken wird uns jetzt so leicht, weil wir in ungeheuren Entwickelungsstrecken der Menschheit gerade auf diese Form des phantastischen und wohlfeilen Erklärens aus dem ersten beliebigen Einfalle heraus so gut eingedrillt worden sind.
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- Ueberdiess ist dieser Unmuth Etwas, das man sich abgewöhnen kann, bei vielen Menschen ist er in Bezug auf Handlungen gar nicht vorhanden, bei welchen viele andere Menschen ihn empfinden.
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Der Punct der Ehrlichkeit beim Betruge.
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115.
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Die Kunst dem Künstler gefährlich.
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Sie sind also leicht bereit, das Phantasma als wirklichen, nothwendigen Menschen zu behandeln, weil sie gewöhnt sind, beim wirklichen Menschen ein Phantasma, einen Schattenriss, eine willkürliche Abbreviatur für das Ganze zu nehmen.
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Man schreibt ihnen wohl einen unmittelbaren Blick in das Wesen der Welt, gleichsam durch ein Loch im Mantel der Erscheinung, zu und glaubt, dass sie ohne die Mühsal und Strenge der Wissenschaft, vermöge dieses wunderbaren Seherblickes, etwas Endgültiges und Entscheidendes über Mensch und Welt mittheilen könnten.
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Die Geige in der Hand des grössten Meisters giebt nur ein Gezirp von sich, wenn der Raum zu gross ist; man kann da den Meister mit jedem Stümper verwechseln.
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- Alle Staaten und Ordnungen der Gesellschaft: die Stände, die Ehe, die Erziehung, das Recht, alles diess hat seine Kraft und Dauer allein in dem Glauben der gebundenen Geister an sie, - also in der Abwesenheit der Gründe, mindestens in der Abwehr des Fragens nach Gründen.
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Wunder-Erziehung.
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Er darf, wie Aristoteles, zwischen "Langweiligen" und "Geistreichen" keinen Unterschied machen, sein Dämon führt ihn durch die Wüste ebenso wie durch tropische Vegetation, damit er überall nur an dem Wirklichen, Haltbaren, Aechten seine Freude habe.
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- Nach dem Westen zu wird die moderne Bewegtheit immer grösser, so dass den Amerikanern die Bewohner Europa's insgesammt sich als ruheliebende und geniessende Wesen darstellen, während diese doch selbst wie Bienen und Wespen durcheinander fliegen.
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Aussterben von Faust und Gretchen.
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421.
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Ohne Beihülfe der Priester kann auch jetzt noch keine Macht "legitim" werden: wie Napoleon begriff.
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Der Glaube an eine göttliche Ordnung der politischen Dinge, an ein Mysterium in der Existenz des Staates ist religiösen Ursprungs: schwindet die Religion, so wird der Staat unvermeidlich seinen alten Isisschleier verlieren und keine Ehrfurcht mehr erwecken.
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Leidenschaft und Recht.
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- Man muss also gewissen Menschen ihr Alleinsein gönnen und nicht so albern sein, wie es häufig geschieht, sie desswegen zu bedauern.