Also sprach Zarathustra: Ein Buch für Alle und Keinen

By Friedrich Nietzsche

Page 23

Sitze
der Wolken zu nahe: er wartet wohl auf den ersten Blitz?

Als Zarathustra diess gesagt hatte, rief der Jüngling mit heftigen
Gebärden: "Ja, Zarathustra, du sprichst die Wahrheit. Nach meinem
Untergange verlangte ich, als ich in die Höhe wollte, und du bist der
Blitz, auf den ich wartete! Siehe, was bin ich noch, seitdem du uns
erschienen bist? Der _Neid_ auf dich ist's, der mich zerstört hat!" -
So sprach der Jüngling und weinte bitterlich. Zarathustra aber legte
seinen Arm um ihn und führte ihn mit sich fort.

Und als sie eine Weile mit einander gegangen waren, hob Zarathustra
also an zu sprechen:

Es zerreisst mir das Herz. Besser als deine Worte es sagen, sagt mir
dein Auge alle deine Gefahr.

Noch bist du nicht frei, du _suchst_ noch nach Freiheit. Übernächtig
machte dich dein Suchen und überwach.

In die freie Höhe willst du, nach Sternen dürstet deine Seele. Aber
auch deine schlimmen Triebe dürsten nach Freiheit.

Deine wilden Hunde wollen in die Freiheit; sie bellen vor Lust in
ihrem Keller, wenn dein Geist alle Gefängnisse zu lösen trachtet.

Noch bist du mir ein Gefangner, der sich Freiheit ersinnt: ach, klug
wird solchen Gefangnen die Seele, aber auch arglistig und schlecht.

Reinigen muss sich noch der Befreite des Geistes. Viel Gefängniss und
Moder ist noch in ihm zurück: rein muss noch sein Auge werden.

Ja, ich kenne deine Gefahr. Aber bei meiner Liebe und Hoffnung
beschwöre ich dich: wirf deine Liebe und Hoffnung nicht weg!

Edel fühlst du dich noch, und edel fühlen dich auch die Andern noch,
die dir gram sind und böse Blicke senden. Wisse, dass Allen ein Edler
im Wege steht.

Auch den Guten steht ein Edler im Wege: und selbst wenn sie ihn einen
Guten nennen, so wollen sie ihn damit bei Seite bringen.

Neues will der Edle schaffen und eine neue Tugend. Altes will der
Gute, und dass Altes erhalten bleibe.

Aber nicht das ist die Gefahr des Edlen, dass er ein Guter werde,
sondern ein Frecher, ein Höhnender, ein Vernichter.

Ach, ich kannte Edle, die verloren ihre höchste Hoffnung. Und nun
verleumdeten sie alle hohen Hoffnungen.

Nun lebten sie frech in kurzen Lüsten, und über den Tag hin warfen sie
kaum noch Ziele.

"Geist ist auch Wollust" - so sagten sie. Da zerbrachen ihrem Geiste
die Flügel: nun kriecht er herum und beschmutzt im Nagen.

Einst dachten sie Helden zu werden: Lüstlinge sind es jetzt. Ein Gram
und ein Grauen ist ihnen der Held.

Aber bei meiner Liebe und Hoffnung beschwöre ich dich: wirf den Helden
in deiner Seele nicht weg! Halte heilig deine höchste Hoffnung! -

Also sprach Zarathustra.



Von den Predigern des Todes

Es giebt Prediger des

Last Page Next Page

Text Comparison with Also sprach Zarathustra: Ein Buch für Alle und Keinen

Page 14
Wiederkäuend frage ich mich, geduldsam gleich einer Kuh: welches waren doch deine zehn Überwindungen? Und welches waren die zehn Versöhnungen und die zehn Wahrheiten und die zehn Gelächter, mit denen sich mein Herz gütlich that? Solcherlei erwägend und gewiegt von vierzig Gedanken, überfällt mich auf einmal der Schlaf, der Ungerufne, der Herr der Tugenden.
Page 19
Ein Bild machte diesen bleichen Menschen bleich.
Page 28
Toll machen - das heisst ihm: überzeugen.
Page 32
Vieles, das diesem Volke gut hiess, hiess einem andern Hohn und Schmach: also fand ich's.
Page 44
mit der Macht eurer Tugend! Eure schenkende Liebe und eure Erkenntniss diene dem Sinn der Erde! Also bitte und beschwöre ich euch.
Page 46
eines Teufels Fratze und Hohnlachen.
Page 51
Sie gehen mir auch wider den Geschmack; aber das ist mir das Geringste, seit ich unter Menschen bin.
Page 57
Und wenn sie sich selber "die Guten und Gerechten" nennen, so vergesst nicht, dass ihnen zum Pharisäer Nichts fehlt als - Macht! Meine Freunde, ich will nicht vermischt und verwechselt werden.
Page 70
Wahrlich, mit schlechtem Gewissen wandelt er über die Dächer.
Page 76
jünger lachten zwar ob dieses Geredes; und einer von ihnen sagte sogar: "eher glaube ich noch, dass Zarathustra sich den Teufel geholt hat.
Page 82
Also wurde der Wille, der Befreier, ein Wehethäter: und an Allem, was leiden kann, nimmt er Rache dafür, dass er nicht zurück kann.
Page 84
Und oft fragte ich mit Kopfschütteln: Warum noch klappern, ihr Klapperschlangen? Wahrlich, es giebt auch für das Böse noch eine Zukunft! Und der heisseste Süden ist noch nicht entdeckt für den Menschen.
Page 93
Denn was von Glück noch unterwegs ist zwischen Himmel und Erde, das sucht sich nun zur Herberge noch eine lichte Seele: _vor_Glück_ ist alles Licht jetzt stiller worden.
Page 99
Klug sind sie, ihre Tugenden haben kluge Finger.
Page 100
Aber ich sage euch, ihr Behaglichen: _es_nimmt_sich_ und wird immer mehr noch von euch nehmen! Ach, dass ihr alles _halbe_ Wollen von euch abthätet und entschlossen würdet zur Trägheit wie zur That! Ach, dass ihr mein Wort verstündet: "thut immerhin, was ihr wollt, - aber seid erst Solche, die _wollen_können_!" "Liebt immerhin euren Nächsten gleich euch, - aber seid mir erst solche, die _sich_selber_lieben_ - - mit der grossen Liebe lieben, mit der grossen Verachtung lieben!" Also spricht Zarathustra, der Gottlose.
Page 138
" - Als Zarathustra aber oben auf der Höhe war, sandte er die Thiere heim, die ihn geleitet hatten, und fand, dass er nunmehr allein sei: - da lachte er aus ganzem Herzen, sah sich um und sprach also: Dass ich von Opfern sprach und Honig-Opfern, eine List war's nur meiner Rede und, wahrlich, eine nützliche Thorheit! Hier oben darf ich schon freier reden, als vor Einsiedler-Höhlen und Einsiedler-Hausthieren.
Page 142
Aber da ist Alles falsch und faul, voran das Blut, Dank alten schlechten Krankheiten und schlechteren Heil-Künstlern.
Page 163
Singe.
Page 168
Denn sie sahen, dass was sie auch am Tage heimgebracht hatten, nicht genug sein werde, den Einen Wahrsager zu stopfen.
Page 185
Vielleicht, dass ich an Gott nicht glauben darf: gewiss aber ist, dass Gott mir in dieser Gestalt noch am glaubwürdigsten dünkt.