Also sprach Zarathustra: Ein Buch für Alle und Keinen

By Friedrich Nietzsche

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_mich_? Bin ich dir weltlich? Bin ich dir
geistlich? Bin ich dir göttlich? Aber Tag und Welt, ihr seid zu
plump, -

- habt klügere Hände, greift nach tieferem Glücke, nach tieferem
Unglücke, greift nach irgend einem Gotte, greift nicht nach mir:

- mein Unglück, mein Glück ist tief, du wunderlicher Tag, aber doch
bin ich kein Gott, keine Gottes-Hölle: tief ist ihr Weh.


Gottes Weh ist tiefer, du wunderliche Welt! Greife nach Gottes Weh,
nicht nach mir! Was bin ich! Eine trunkene süsse Leier, -

eine Mitternachts-Leier, eine Glocken-Unke, die Niemand versteht,
aber welche reden _muss_, vor Tauben, ihr höheren Menschen! Denn ihr
versteht mich nicht!

Dahin! Dahin! Oh Jugend! Oh Mittag! Oh Nachmittag! Nun kam Abend und
Nacht und Mitternacht, - der Hund heult, der Wind:

- ist der Wind nicht ein Hund? Er winselt, er kläfft, er heult. Ach!
Ach! wie sie seufzt! wie sie lacht, wie sie röchelt und keucht, die

Wie sie eben nüchtern spricht, diese trunkene Dichterin! sie übertrat
wohl ihre Trunkenheit? sie wurde überwach? sie käut zurück?

- ihr Weh käut sie zurück, im Traume, die alte tiefe Mitternacht, und
mehr noch ihre Lust. Lust nämlich, wenn schon Weh tief ist: Lust ist
tiefer noch als Herzeleid.


Du Weinstock! Was preisest du mich? Ich schnitt dich doch! Ich bin
grausam, du blutest -: was will dein Lob meiner trunkenen Grausamkeit?

"Was vollkommen ward, alles Reife - will sterben!" so redest du.
Gesegnet, gesegnet sei das Winzermesser! Aber alles Unreife will
leben: wehe!

Weh spricht: "Vergeh! Weg, du Wehe!" Aber Alles, was leidet, will
leben, dass es reif werde und lustig und sehnsüchtig,

- sehnsüchtig nach Fernerem, Höherem, Hellerem. "Ich will Erben, so
spricht Alles, was leidet, ich will Kinder, ich will nicht _mich_," -

Lust aber will nicht Erben, nicht Kinder, - Lust will sich selber,
will Ewigkeit, will Wiederkunft, will Alles-sich-ewig-gleich.

Weh spricht: "Brich, blute, Herz! Wandle, Bein! Flügel, flieg! Hinan!
Hinauf! Schmerz!" Wohlan! Wohlauf! Oh mein altes Herz: Weh spricht:


Ihr höheren Menschen, was dünket euch? Bin ich ein Wahrsager? Ein
Träumender? Trunkener? Ein Traumdeuter? Eine Mitternachts-Glocke?

Ein Tropfen Thau's? Ein Dunst und Duft der Ewigkeit? Hört ihr's nicht?
Riecht ihr's nicht? Eben ward meine Welt vollkommen, Mitternacht ist
auch Mittag, -

Schmerz ist auch eine Lust, Fluch ist auch ein Segen, Nacht ist auch
eine Sonne, - geht davon oder ihr lernt: ein Weiser ist auch ein Narr.

Sagtet ihr jemals ja zu Einer Lust? Oh, meine Freunde, so sagtet
ihr Ja auch zu _allem_ Wehe. Alle Dinge sind verkettet, verfädelt,
verliebt, -

- wolltet ihr jemals Ein Mal Zwei Mal, spracht ihr jemals "du gefällst
mir, Glück! Husch! Augenblick!" so wolltet ihr _Alles_ zurück!


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Text Comparison with The Will to Power, Book I and II An Attempted Transvaluation of all Values

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What does Nihilism mean?--_That the highest values are losing their value.
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They cannot be imagined as two distinct principles or entities which fight for the living organism and make it their battlefield.
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_Admitting that the belief in this morality be destroyed,_ the botched and the bungled would no longer have any comfort, and would perish.
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_ The attempt made to suppress the fussy importance of the "person," culminated in the belief in the eternal "personality" (and in the anxiety concerning "eternal salvation" .
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_not much.
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Second step: they enter the lists, they demand acknowledgment, equal rights, "Justice.
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_Subject for reflection_: To what extent does the fatal belief in "Divine Providence"--the most _paralysing_ belief for both the hand and the understanding that has ever existed--continue to prevail; to what extent have the Christian hypothesis and interpretation of Life continued their lives under the cover of terms like "Nature," "Progress," "perfectionment," "Darwinism," or beneath the superstition that there is a certain relation between happiness and virtue, unhappiness and sin? That absurd _belief_ in the course of things, in "Life" and in the "instinct of Life"; that foolish _resignation_ which arises from the notion that if only every one did his duty _all_ would go well--all this sort of thing can only have a meaning if one assumes that there is a direction of things _sub specie boni.
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Should a man enter the world poor, and the son of parents who are neither economical.
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The duty of every individual for the present was identical with what it would be in any sort of future for the man of the future: the value, the purpose, the limit of values was for ever fixed, unconditioned, eternal, one with God.
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All the instincts and forces which morality praises, seem to me to be essentially the same as those which it slanders and rejects: for instance, justice as will to power, will to.
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_The critic prepares the way_: that is all! With Schopenhauer the philosopher's mission dawns; it is felt that the object is to determine _values_; still under the dominion of eudemonism.
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_--Philosophers and moralists merely deceive themselves when they imagine that they escape from decadence by _opposing_ it.
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The world of appearance and the world _of lies_: this constitutes the contradiction.