Also sprach Zarathustra: Ein Buch für Alle und Keinen

By Friedrich Nietzsche

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eure Gründe geheim! Diess Heute nämlich
ist des Pöbels.

Was der Pöbel ohne Gründe einst glauben lernte, wer könnte ihm durch
Gründe Das - umwerfen?

Und auf dem Markte überzeugt man mit Gebärden. Aber Gründe machen den
Pöbel misstrauisch.

Und wenn da einmal Wahrheit zum Siege kam, so fragt euch Mit gutem
Misstrauen: "welch starker Irrthum hat für sie gekämpft?"

Hütet euch auch vor den Gelehrten! Die hassen euch: denn sie sind
unfruchtbar! Sie haben kalte vertrocknete Augen, vor ihnen liegt jeder
Vogel entfedert.

Solche brüsten sich damit, dass sie nicht lügen: aber Ohnmacht zur
Lüge ist lange noch nicht Liebe zur Wahrheit. Hütet euch!

Freiheit von Fieber ist lange noch nicht Erkenntniss! Ausgekälteten
Geistern glaube ich nicht. Wer nicht lügen kann, weiss nicht, was
Wahrheit ist.


10.

Wollt ihr hoch hinaus, so braucht die eignen Beine! Lasst euch nicht
empor _tragen_, setzt euch nicht auf fremde Rücken und Köpfe!

Du aber stiegst zu Pferde? Du reitest nun hurtig hinauf zu deinem
Ziele? Wohlan, mein Freund! Aber dein lahmer Fuss sitzt auch mit zu
Pferde!

Wenn du an deinem Ziele bist, wenn du von deinem Pferde springst: auf
deiner _Höhe_ gerade, du höherer Mensch - wirst du stolpern!


11.

Ihr Schaffenden, ihr höheren Menschen! Man ist nur für das eigne Kind
schwanger.

Lasst euch Nichts vorreden, einreden! Wer ist denn _euer_ Nächster?
Und handelt ihr auch "für den Nächsten", - ihr schafft doch nicht für
ihn!

Verlernt mir doch diess "Für", ihr Schaffenden: eure Tugend gerade
will es, dass ihr kein Ding mit "für" und "um" und "weil" thut. Gegen
diese falschen kleinen Worte sollt ihr euer Ohr zukleben.

Das "für den Nächsten" ist die Tugend nur der kleinen Leute: da heisst
es "gleich und gleich" und "Hand wäscht Hand": - sie haben nicht Recht
noch Kraft zu _eurem_ Eigennutz!

In eurem Eigennutz, ihr Schaffenden, ist der Schwangeren Vorsicht und
Vorsehung! Was Niemand noch mit Augen sah, die Frucht: die schirmt und
schont und nährt eure ganze Liebe.

Wo eure ganze Liebe ist, bei eurem Kinde, da ist auch eure ganze
Tugend! Euer Werk, euer Wille ist _euer_ "Nächster": lasst euch keine
falschen Werthe einreden!


12.

Ihr Schaffenden, ihr höheren Menschen! Wer gebären muss, der ist
krank; wer aber geboren hat, ist unrein.

Fragt die Weiber: man gebiert nicht, weil es Vergnügen macht. Der
Schmerz macht Hühner und Dichter gackern.

Ihr Schaffenden, an euch ist viel Unreines. Das macht, ihr musstet
Mütter sein.

Ein neues Kind: oh wie viel neuer Schmutz kam auch zur Welt! Geht bei
Seite! Und wer geboren hat, soll seine Seele rein waschen!


13.

Seid nicht tugendhaft über eure Kräfte! Und wollt Nichts von euch
wider die Wahrscheinlichkeit!

Geht in den Fusstapfen, wo schon eurer Väter Tugend gierig! Wie
wolltet ihr

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Text Comparison with Götzen-Dämmerung

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Es giebt mehr Götzen als Realitäten in der Welt: das ist mein "böser Blick" für diese Welt, das ist auch mein "böses Ohr".
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Es giebt einen Hass auf Lüge und Verstellung aus einem reizbaren Ehrbegriff; es giebt einen ebensolchen Hass aus Feigheit, insofern die Lüge, durch ein göttliches Gebot, verboten ist.
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selbst Gott liedersingend.
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Sokrates gehörte, seiner Herkunft nach, zum niedersten Volk: Sokrates war Pöbel.
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Honnette Dinge tragen, wie honnette Menschen, ihre Gründe nicht so in der Hand.
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Die Kennzeichen, welche man dem.
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Dieselben sind bedingt durch Glaube, Liebe, Hoffnung - die christlichen Tugenden.
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Strafen- und Richten-Wollens zu sein, der da sucht.
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zerbrochne Töpfe, zum Schmuck altes Eisen, zum Gottesdienst nur die bösen Geister; sie sollen ohne Ruhe von einem Ort zum andern schweifen.
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Womit compromittirt man sich heute? Wenn man Consequenz hat.
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Wer weiss, wie er sich in den Augen eines höheren Geschmacksrichters ausnimmt? Vielleicht gewagt? vielleicht selbst erheiternd? vielleicht ein wenig arbiträr?.
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Es mag uns sauer angehn; und unter uns lachen wir vielleicht über den Aspekt, den wir damit geben.
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).
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- 46.
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Erst das Christenthum, mit seinem Ressentiment gegen das Leben auf dem Grunde, hat aus der Geschlechtlichkeit etwas Unreines gemacht: es warf Koth auf den Anfang, auf die Voraussetzung unseres Lebens.