Also sprach Zarathustra: Ein Buch für Alle und Keinen

By Friedrich Nietzsche

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Baum
niederzulegen, um die Stunde des vollkommnen Mittags, und zu schlafen.

Diess that Zarathustra; und sobald er auf dem Boden lag, in der
Stille und Heimlichkeit des bunten Grases, hatte er auch schon seinen
kleinen Durst vergessen und schlief ein. Denn, wie das Sprichwort
Zarathustra's sagt: Eins ist nothwendiger als das Andre. Nur dass
seine Augen offen blieben: - sie wurden nämlich nicht satt, den Baum
und die Liebe des Weinstocks zu sehn und zu preisen. Im Einschlafen
aber sprach Zarathustra also zu seinem Herzen:

Still! Still! Ward die Welt nicht eben vollkommen? Was geschieht mir
doch?

Wie ein zierlicher Wind, ungesehn, auf getäfeltem Meere tanzt, leicht,
federleicht: so - tanzt der Schlaf auf mir,

Kein Auge drückt er mir zu, die Seele lässt er mir wach. Leicht ist
er, wahrlich! federleicht.

Er überredet mich, ich weiss nicht wie?, er betupft mich innewendig
mit schmeichelnder Hand, er zwingt mich. Ja, er zwingt mich, dass
meine Seele sich ausstreckt: -

- wie sie mir lang und müde wird, meine wunderliche Seele! Kam ihr
eines siebenten Tages Abend gerade am Mittage? Wandelte sie zu lange
schon selig zwischen guten und reifen Dingen?

Sie streckt sich lang aus, lang, - länger! sie liegt stille, meine
wunderliche Seele. Zu viel Gutes hat sie schon geschmeckt, diese.
goldene Traurigkeit drückt sie, sie verzieht den Mund.

- Wie ein Schiff, das in seine stillste Bucht einlief: - nun lehnt es
sich an die Erde, der langen Reisen müde und der ungewissen Meere. Ist
die Erde nicht treuer?

Wie solch ein Schiff sich dem Lande anlegt, anschmiegt: - da genügt's,
dass eine Spinne vom Lande her zu ihm ihren Faden spinnt. Keiner
stärkeren Taue bedarf es da.

Wie solch ein müdes Schiff in der stillsten Bucht: so ruhe auch ich
nun der Erde nahe, treu, zutrauend, wartend, mit den leisesten Fäden
ihr angebunden.

Oh Glück! Oh Glück! Willst du wohl singen, oh meine Seele? Du liegst
im Grase. Aber das ist die heimliche feierliche Stunde, wo kein Hirt
seine Flöte bläst.

Scheue dich! Heisser Mittag schläft auf den Fluren. Singe. nicht!
Still! Die Welt ist vollkommen.

Singe nicht, du Gras-Geflügel, oh meine Seele! Flüstere nicht einmal!
Sieh doch - still! der alte Mittag schläft, er bewegt den Mund: trinkt
er nicht eben einen Tropfen Glücks -

- einen alten braunen Tropfen goldenen Glücks, goldenen Weins? Es
huscht über ihn hin, sein Glück lacht. So - lacht ein Gott. Still! -

- "Zum Glück, wie wenig genügt schon zum Glücke!" So sprach ich einst,
und dünkte mich klug. Aber es war eine Lästerung: _das_ lernte ich
nun. Kluge Narrn reden besser.

Das Wenigste gerade, das Leiseste, Leichteste, einer Eidechse
Rascheln, ein Hauch, ein Husch, ein

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Text Comparison with Ecce homo, Wie man wird, was man ist

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Also sprach Zarathustra.
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Die grosse Vernunft dieses Fatalismus, der nicht immer nur der Muth zum Tode ist, als lebenerhaltend unter den lebensgefährlichsten Umständen, ist die Herabsetzung des Stoffwechsels, dessen Verlangsamung, eine Art Wille zum Winterschlaf.
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Die Aufgabe ist nicht, überhaupt über Widerstände Herr zu werden, sondern über solche, an denen man seine ganze Kraft, Geschmeidigkeit und Waffen-Meisterschaft einzusetzen hat, - über gleiche Gegner.
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Viertens: ich greife nur Dinge an, wo jedwede Personen-Differenz ausgeschlossen ist, wo jeder Hintergrund schlimmer Erfahrungen fehlt.
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Ich rechne diese angeblich "Ersten" nicht einmal zu den Menschen.
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Es giebt durchaus keine stolzere und zugleich raffinirtere Art von Büchern: sie erreichen hier und da das Höchste, was auf Erden erreicht werden kann, den Cynismus; man muss sie sich ebenso mit den zartesten Fingern wie mit den tapfersten Fäusten erobern.
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Sie ist politisch indifferent, - "undeutsch", wird man heute sagen - sie riecht anstössig Hegelisch, sie ist nur in einigen Formeln mit dem Leichenbitter-parfum Schopenhauer's behaftet.
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Dies ist die fremdartigste "Objektivität", die es geben kann: die absolute Gewissheit darüber, was ich bin, projicirte sich auf irgend eine zufällige Realität, - die Wahrheit über mich redete aus einer schauervollen Tiefe.
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Die Anfänge dieses Buchs gehören mitten in die Wochen der ersten Bayreuther Festspiele hinein; eine tiefe Fremdheit gegen Alles, was mich dort umgab, ist eine seiner Voraussetzungen.
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Am gleichen Tage schrieb ich noch das Vorwort zur "Götzen-Dämmerung", deren Druckbogen zu.
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Der Begriff "Gott" erfunden als Gegensatz-Begriff zum Leben, - in ihm alles Schädliche, Vergiftende, Verleumderische, die ganze Todfeindschaft gegen das Leben in eine entsetzliche Einheit gebracht! Der Begriff "Jenseits", "wahre Welt" erfunden, um die einzige Welt zu entwerthen, die es giebt, - um kein Ziel, keine Vernunft, keine Aufgabe für unsre Erden-Realität übrig zu behalten! Der Begriff "Seele", "Geist", zuletzt gar noch "unsterbliche Seele", erfunden, um den Leib zu verachten, um ihn krank - "heilig" - zu machen, um allen Dingen, die Ernst im Leben verdienen, den Fragen von Nahrung, Wohnung, geistiger Diät, Krankenbehandlung, Reinlichkeit, Wetter, einen schauerlichen Leichtsinn entgegenzubringen! Statt der Gesundheit das "Heil der Seele" - will sagen eine folie circulaire zwischen Busskrampf und Erlösungs-Hysterie! Der Begriff "Sünde" erfunden sammt dem zugehörigen Folter-Instrument, dem Begriff "freier Wille", um die Instinkte zu verwirren, um das Misstrauen gegen die Instinkte zur zweiten Natur zu machen! Im Begriff des "Selbstlosen", des "Sich-selbst-Verleugnenden" das eigentliche décadence-Abzeichen, das Gelockt-werden vom Schädlichen, das Seinen-Nutzen-nicht-mehr-finden-können, die Selbst-Zerstörung zum Werthzeichen überhaupt gemacht, zur "Pflicht", zur "Heiligkeit", zum "Göttlichen" im Menschen! Endlich - es ist das Furchtbarste - im Begriff des guten Menschen die Partei alles Schwachen, Kranken, Missrathnen, An-sich-selber-Leidenden genommen, alles dessen, was zu Grunde gehn soll -, das Gesetz der Selektion gekreuzt, ein Ideal aus dem Widerspruch gegen den stolzen und wohlgerathenen, gegen den jasagenden, gegen den zukunftsgewissen, zukunftverbürgenden Menschen gemacht - dieser heisst nunmehr der Böse.