Also sprach Zarathustra: Ein Buch für Alle und Keinen

By Friedrich Nietzsche

Page 153

Alles, und Mancherlei auch,
was sein Herr sich selbst verbirgt.

Es war ein verborgener Gott, voller Heimlichkeit. Wahrlich zu einem
Sohne sogar kam er nicht anders als auf Schleichwegen. An der Thür
seines Glaubens steht der Ehebruch.

Wer ihn als einen Gott der Liebe preist, denkt nicht hoch genug von
der Liebe selber. Wollte dieser Gott nicht auch Richter sein? Aber der
Liebende liebt jenseits von Lohn und Vergeltung.

Als er jung war, dieser Gott aus dem Morgenlande, da war er hart und
rachsüchtig und erbaute sich eine Hölle zum Ergötzen seiner Lieblinge.

Endlich aber wurde er alt und weich und mürbe und mitleidig, einem
Grossvater ähnlicher als einem Vater, am ähnlichsten aber einer
wackeligen alten Grossmutter.

Da sass er, welk, in seinem Ofenwinkel, härmte sich ob seiner
schwachen Beine, weltmüde, willensmüde, und erstickte eines Tags an
seinem allzugrossen Mitleiden." - -

"Du alter Papst, sagte hier Zarathustra dazwischen, hast du _Das_ mit
Augen angesehn? Es könnte wohl so abgegangen sein: so, _und_ auch
anders. Wenn Götter sterben, sterben sie immer viele Arten Todes.

Aber wohlan! So oder so, so und so - er ist dahin! Er gieng meinen
Ohren und Augen wider den Geschmack, Schlimmeres möchte ich ihm nicht
nachsagen.

Ich liebe Alles, was hell blickt und redlich redet. Aber er - du
weisst es ja, du alter Priester, es war Etwas von deiner Art an ihm,
von Priester-Art - er war vieldeutig.

Er war auch undeutlich. Was hat er uns darob gezürnt, dieser
Zornschnauber, dass wir ihn schlecht verstanden Aber warum sprach er
nicht reinlicher?

Und lag es an unsern Ohren, warum gab er uns Ohren, die ihn schlecht
hörten? War Schlamm in unsern Ohren, wohlan! wer legte ihn hinein?

Zu Vieles missrieth ihm, diesem Töpfer, der nicht ausgelernt hatte!
Dass er aber Rache an seinen Töpfen und Geschöpfen nahm, dafür
dass sie ihm schlecht geriethen, - das war eine Sünde wider den
_guten_Geschmack_.

Es giebt auch in der Frömmigkeit guten Geschmack: der sprach endlich
`Fort mit einem _solchen_ Gotte! Lieber keinen Gott, lieber auf eigne
Faust Schicksal machen, lieber Narr sein, lieber selber Gott sein!`"

- "Was höre ich! sprach hier der alte Papst mit gespitzten Ohren;
oh Zarathustra, du bist frömmer als du glaubst, mit einem solchen
Unglauben! Irgend ein Gott in dir bekehrte dich zu deiner
Gottlosigkeit.

Ist es nicht deine Frömmigkeit selber, die dich nicht mehr an einen
Gott glauben lässt? Und deine übergrosse Redlichkeit wird dich auch
noch jenseits von Gut und Böse wegfuhren!

Siehe, doch, was blieb dir aufgespart? Du hast Augen und Hand und
Mund, die sind zum Segnen vorher bestimmt seit Ewigkeit. Man segnet
nicht mit der Hand allein.

In deiner Nähe, ob du schon der Gottloseste

Last Page Next Page

Text Comparison with Die Geburt der Tragödie: Versuch einer Selbstkritik

Page 1
Darauf hin sollte es schon mit einiger Rücksicht und Schweigsamkeit behandelt werden; trotzdem will ich nicht gänzlich unterdrücken, wie unangenehm es mir jetzt erscheint, wie fremd es jetzt nach sechzehn Jahren vor mir steht, - vor einem älteren, hundert Mal verwöhnteren, aber keineswegs kälter gewordenen Auge, das auch jener Aufgabe selbst nicht fremder wurde, an welche sich jenes verwegene Buch zum ersten Male herangewagt hat, - die Wissenschaft unter der Optik des Künstlers zu sehn, die Kunst aber unter der des Lebens.
Page 10
Entweder durch den Einfluss des narkotischen Getränkes, von dem alle ursprünglichen Menschen und Völker in Hymnen sprechen, oder bei dem gewaltigen, die ganze Natur lustvoll durchdringenden Nahen des Frühlings erwachen jene dionysischen Regungen, in deren Steigerung das Subjective zu völliger Selbstvergessenheit hinschwindet.
Page 14
Und so mag der Beschauer recht betroffen vor diesem phantastischen Ueberschwang des Lebens stehn, um sich zu fragen, mit welchem Zaubertrank im Leibe diese übermüthigen Menschen das Leben genossen haben mögen, dass, wohin sie sehen, Helena, das "in süsser Sinnlichkeit schwebende" Idealbild ihrer eignen Existenz, ihnen entgegenlacht.
Page 15
Um leben zu können, mussten die Griechen diese Götter, aus tiefster Nöthigung, schaffen: welchen Hergang wir uns wohl so vorzustellen haben, dass aus der ursprünglichen titanischen Götterordnung des Schreckens durch jenen apollinischen Schönheitstrieb in langsamen Uebergängen die olympische Götterordnung der Freude entwickelt wurde: wie Rosen aus dornigem Gebüsch hervorbrechen.
Page 16
Mit dieser Schönheitsspiegelung kämpfte der hellenische "Wille" gegen das dem künstlerischen correlative Talent zum Leiden und zur Weisheit des Leidens und als Denkmal seines Sieges steht Homer vor uns, der naive Künstler.
Page 17
der Barbarenwelt, erachtet wurden.
Page 26
aesthetisch zu nehmen; und jetzt deutete uns der Schlegel'sche Ausdruck an, dass der vollkommne idealische Zuschauer die.
Page 28
Sobald aber jene alltägliche Wirklichkeit wieder ins Bewusstsein tritt, wird sie mit Ekel als solche empfunden; eine asketische, willenverneinende Stimmung ist die Frucht jener Zustände.
Page 43
Woher soll dem Künstler die Verpflichtung kommen, sich einer Kraft zu accomodieren, die ihre Stärke nur in der Zahl hat? Und wenn er sich, seiner Begabung und seinen Absichten nach, über jeden einzelnen dieser Zuschauer erhaben fühlt, wie dürfte er vor dem gemeinsamen Ausdruck aller dieser ihm untergeordneten Capacitäten mehr Achtung empfinden als vor dem relativ am höchsten begabten einzelnen Zuschauer? In Wahrheit hat kein griechischer Künstler mit grösserer Verwegenheit und Selbstgenugsamkeit sein Publicum durch ein langes Leben hindurch behandelt als gerade Euripides: er, der selbst da noch, als die Masse sich ihm zu Füssen warf, in erhabenem Trotze seiner eigenen Tendenz öffentlich in's Gesicht schlug, derselben Tendenz, mit der er über die Masse gesiegt hatte.
Page 44
Die klarste Figur hatte immer noch einen Kometenschweif an sich, der in's Ungewisse, Unaufhellbare zu deuten schien.
Page 49
"Nüchterne" verurtheilen.
Page 51
In besonderen Lagen, in denen sein ungeheurer Verstand in's Schwanken gerieth, gewann er einen festen Anhalt durch eine in solchen Momenten sich äussernde göttliche Stimme.
Page 52
14.
Page 53
Denn jetzt muss der tugendhafte Held Dialektiker sein, jetzt muss zwischen Tugend und Wissen, Glaube und Moral ein nothwendiger sichtbarer Verband sein, jetzt ist.
Page 54
Schon bei Sophokles zeigt sich jene Verlegenheit in Betreff des Chors - ein wichtiges Zeichen, dass schon bei ihm der dionysische Boden der Tragödie zu zerbröckeln beginnt.
Page 71
Dies war aber nicht die Meinung jener Erfinder des Recitativs: vielmehr glauben sie selbst und mit ihnen ihr Zeitalter, dass durch jenen stilo rappresentativo das Geheimniss der antiken Musik gelöst sei, aus dem sich allein die ungeheure Wirkung eines Orpheus, Amphion, ja auch der griechischen Tragödie erklären lasse.
Page 76
Dabei lebt in uns die Empfindung, als ob die Geburt eines tragischen Zeitalters für den deutschen Geist nur eine Rückkehr zu sich selbst, ein seliges Sichwiederfinden zu bedeuten habe, nachdem für eine lange Zeit ungeheure von aussen her eindringende Mächte den in hülfloser Barbarei der Form dahinlebenden zu einer Knechtschaft unter ihrer Form gezwungen hatten.
Page 89
Vielleicht wird Mancher meinen, jener Geist müsse seinen Kampf mit der Ausscheidung des Romanischen beginnen: wozu er eine äusserliche Vorbereitung und Ermuthigung in der siegreichen Tapferkeit und blutigen Glorie des letzten Krieges erkennen dürfte, die innerliche Nöthigung aber in dem Wetteifer suchen muss, der erhabenen Vorkämpfer auf dieser Bahn, Luther's ebensowohl als unserer grossen Künstler und Dichter, stets werth zu sein.
Page 90
24.
Page 92
Um also die dionysische Befähigung eines Volkes richtig abzuschätzen, dürften wir nicht nur an die Musik des Volkes, sondern eben so nothwendig an den tragischen Mythus dieses Volkes als den zweiten Zeugen jener Befähigung zu denken haben.