Also sprach Zarathustra: Ein Buch für Alle und Keinen

By Friedrich Nietzsche

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wir
auszogen, dich zu sehn!

Deine Feinde nämlich zeigten uns dein Bild in ihrem Spiegel: da
blicktest du mit der Fratze eines Teufels und hohnlachend: also dass
wir uns vor dir fürchteten.

Aber was half's! Immer wieder stachst du uns in Ohr und Herz mit
deinen Sprüchen. Da sprachen wir endlich: was liegt daran, wie er
aussieht!

Wir müssen ihn _hören_, ihn, der lehrt `ihr sollt den Frieden lieben
als Mittel zu neuen Kriegen, und den kurzen Frieden mehr als den
langen!`

Niemand sprach je so kriegerische Worte: `Was ist gut? Tapfer sein ist
gut. Der gute Krieg ist's, der jede Sache heiligt.`

Oh Zarathustra, unsrer Väter Blut rührte sich bei solchen Worten in
unserm Leibe: das war wie die Rede des Frühlings zu alten Weinfässern.

Wenn die Schwerter durcheinander liefen gleich rothgefleckten
Schlangen, da wurden unsre Väter dem Leben gut; alles Friedens Sonne
dünkte sie flau und lau, der lange Frieden aber machte Scham.

Wie sie seufzten, unsre Väter, wenn sie an der Wand blitzblanke
ausgedorrte Schwerter sahen! Denen gleich dürsteten sie nach Krieg.
Ein Schwert nämlich will Blut trinken und funkelt vor Begierde." - -

- Als die Könige dergestalt mit Eifer von dem Glück ihrer Väter
redeten und schwätzten, überkam Zarathustra keine kleine Lust, ihres
Eifers zu spotten: denn ersichtlich waren es sehr friedfertige Könige,
welche er vor sich sah, solche mit alten und feinen Gesichtern. Aber
er bezwang sich. "Wohlan! sprach er, dorthin führt der Weg, da liegt
die Höhle Zarathustra's; und dieser Tag soll einen langen Abend haben!
Jetzt aber ruft mich eilig ein Nothschrei fort von Euch.

Es ehrt meine Höhle, wenn Könige in ihr sitzen und warten wollen:
aber, freilich, Ihr werdet lange warten müssen!

Je nun! Was thut's! Wo lernt man heute besser warten als an Höfen? Und
der Könige ganze Tugend, die ihnen übrig blieb, - heisst sie heute
nicht: Warten-_können_?"

Also sprach Zarathustra.



Der Blutegel

Und Zarathustra gieng nachdenklich weiter und tiefer, durch Wälder und
vorbei an moorigen Gründen; wie es aber Jedem ergeht, der über schwere
Dinge nachdenkt, so trat er unversehens dabei auf einen Menschen. Und
siehe, da sprützten ihm mit Einem Male ein Weheschrei und zwei Flüche
und zwanzig schlimme Schimpfworte in's Gesicht: also dass er in seinem
Schrecken den Stock erhob und auch auf den Getretenen noch zuschlug.
Gleich darauf aber kam ihm die Besinnung; und sein Herz lachte über
die Thorheit, die er eben gethan hatte.

"Vergieb, sagte er zu dem Getretenen, der sich grimmig erhoben und
gesetzt hatte, vergieb und vernimm vor Allem erst ein Gleichniss.

Wie ein Wanderer, der von fernen Dingen träumt, unversehens auf
einsamer Strasse einen schlafenden Hund anstösst, einen Hund, der in
der Sonne liegt:

- wie da

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Text Comparison with Die Geburt der Tragödie: Versuch einer Selbstkritik

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Nein, drei Mal nein! ihr jungen Romantiker: es sollte nicht nöthig.
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" "Zarathustra der Tänzer, Zarathustra der Leichte, der mit den Flügeln winkt, ein Flugbereiter, allen Vögeln zuwinkend, bereit und fertig, ein Selig-Leichtfertiger:" - "Zarathustra der Wahrsager, Zarathustra der Wahrlacher, kein Ungeduldiger, kein Unbedingter, Einer, der Sprünge und Seitensprünge liebt: ich selber setzte mir diese Krone auf!" "Diese Krone des Lachenden, diese Rosenkranz-Krone: euch, meinen Brüdern, werfe ich diese Krone zu! Das Lachen sprach ich heilig: ihr höheren Menschen, lernt mir - lachen!" Vorwort an Richard Wagner.
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Aus seinen Gebärden spricht die Verzauberung.
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sein eigener Zustand d.
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Die Musik des Apollo war dorische Architektonik in Tönen, aber in nur angedeuteten Tönen, wie sie der Kithara zu eigen sind.
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Aber wie selten wird das Naive, jenes völlige Verschlungensein in der Schönheit des Scheines, erreicht! Wie unaussprechbar erhaben ist deshalb Homer, der sich, als Einzelner, zu jener apollinischen Volkscultur verhält, wie der einzelne Traumkünstler zur Traumbefähigung des Volks und der Natur überhaupt.
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Somit ist unser ganzes Kunstwissen im Grunde ein völlig illusorisches, weil wir als Wissende mit jenem Wesen nicht eins und identisch sind, das sich, als einziger Schöpfer und Zuschauer jener.
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In Betreff des Archilochus hat die gelehrte Forschung entdeckt, dass er das Volkslied in die Litteratur eingeführt habe, und dass ihm, dieser That halber, jene einzige Stellung neben Homer, in der allgemeinen Schätzung der Griechen zukomme.
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Der griechische Künstler insbesondere empfand im Hinblick auf diese Gottheiten ein dunkles Gefühl wechselseitiger Abhängigkeit: und gerade im Prometheus des Aeschylus ist dieses Gefühl symbolisirt.
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Das Urtheil der beiden Greise Kadmus und Tiresias scheint auch das Urtheil des greisen Dichters zu sein: das Nachdenken der klügsten Einzelnen werfe jene alten Volkstraditionen, jene sich ewig fortpflanzende Verehrung des Dionysus nicht um, ja es gezieme sich, solchen wunderbaren Kräften gegenüber, mindestens eine diplomatisch vorsichtige Theilnahme zu zeigen: wobei es aber immer noch möglich sei, dass der Gott an einer so lauen Betheiligun; Anstoss nehme und den Diplomaten - wie hier den Kadmus - schliesslich in einen Drachen verwandle.
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Jener despotische Logiker hatte nämlich hier und da der Kunst gegenüber das Gefühl einer Lücke, einer Leere, eines halben Vorwurfs, einer vielleicht versäumten Pflicht.
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Dieser ungeheuere Gegensatz, der sich zwischen der plastischen Kunst als der apollinischen und der Musik als der dionysischen Kunst klaffend aufthut, ist einem Einzigen der grossen Denker in dem Maasse offenbar geworden, dass er, selbst ohne jene Anleitung der hellenischen Göttersymbolik, der Musik einen verschiedenen Charakter und Ursprung vor allen anderen Künsten zuerkannte, weil sie nicht, wie jene alle, Abbild der Erscheinung, sondern unmittelbar Abbild des Willens selbst sei und also zu allem Physischen der Welt das Metaphysische, zu aller Erscheinung das Ding.
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In der dionysischen Kunst und in deren tragischer Symbolik redet uns dieselbe Natur mit ihrer wahren, unverstellten Stimme an: "Seid wie ich bin! Unter dem unaufhörlichen Wechsel der Erscheinungen die ewig schöpferische, ewig zum Dasein zwingende, an diesem Erscheinungswechsel sich ewig befriedigende Urmutter!" 17.
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Es war ein mächtiger Sieg des undionysischen Geistes, als er, in.
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Hier sehen wir in das innerlichste Werden dieser recht eigentlich modernen Kunstgattung, der Oper: ein mächtiges Bedürfniss erzwingt sich hier eine Kunst, aber ein Bedürfniss unaesthetischer Art: die Sehnsucht zum Idyll, der Glaube an eine urvorzeitliche Existenz des künstlerischen und guten Menschen.
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"griechischen Harmonie", der "griechischen Schönheit", der "griechischen Heiterkeit".
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Dafür verleiht die Musik, als Gegengeschenk, dem tragischen Mythus eine so eindringliche und überzeugende metaphysische Bedeutsamkeit, wie sie Wort und Bild, ohne jene einzige Hülfe, nie zu erreichen vermögen; und insbesondere überkommt durch sie den tragischen Zuschauer gerade jenes sichere Vorgefühl einer höchsten Lust, zu der der Weg durch Untergang und Verneinung führt, so dass er zu hören meint, als ob der innerste Abgrund der Dinge zu ihm vernehmlich spräche.
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So entreisst uns das Apollinische der dionysischen Allgemeinheit und entzückt uns für die Individuen; an diese fesselt es unsre Mitleidserregung, durch diese befriedigt es den nach grossen und erhabenen Formen lechzenden Schönheitssinn; es führt an uns Lebensbilder vorbei und reizt uns zu gedankenhaftem Erfassen des in ihnen enthaltenen Lebenskernes.
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Der tragische Mythus, sofern er überhaupt zur Kunst gehört, nimmt auch vollen Antheil an dieser metaphysischen Verklärungsabsicht der Kunst überhaupt: was verklärt er aber, wenn er die Erscheinungswelt unter dem Bilde des leidenden Helden vorführt? Die "Realität".
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Um also die dionysische Befähigung eines Volkes richtig abzuschätzen, dürften wir nicht nur an die Musik des Volkes, sondern eben so nothwendig an den tragischen Mythus dieses Volkes als den zweiten Zeugen jener Befähigung zu denken haben.