Also sprach Zarathustra: Ein Buch für Alle und Keinen

By Friedrich Nietzsche

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ich hier oben will und treibe: besser noch
Diess, als dass ich da unten feierlich würde vor Warten und grün und
gelb -

- ein gespreitzter Zornschnauber vor Warten, ein heiliger Heule-Sturm
aus Bergen, ein Ungeduldiger, der in die Thäler hinabruft: "Hört, oder
ich peitsche euch mit der Geissel Gottes!"

Nicht dass ich solchen Zürnern darob gram würde: zum Lachen sind
sie mir gut genung! Ungeduldig müssen sie schon sein, diese grossen
Lärmtrommeln, welche heute oder niemals zu Worte kommen!

Ich aber und mein Schicksal - wir reden nicht zum Heute, wir reden
auch nicht zum Niemals: wir haben zum Reden schon Geduld und Zeit und
Überzeit. Denn einst muss er doch kommen und darf nicht vorübergehn.

Wer muss einst kommen und darf nicht vorübergehn? Unser grosser Hazar,
das ist unser grosses fernes Menschen-Reich, das Zarathustra-Reich von
tausend Jahren - -

Wie ferne mag solches "Ferne" sein? was geht's mich an! Aber darum
steht es mir doch nicht minder fest -, mit beiden Füssen stehe ich
sicher auf diesem Grunde,

- auf einem ewigen Grunde, auf hartem Urgesteine, auf diesem höchsten
härtesten Urgebirge, zu dem alle Winde kommen als zur Wetterscheide,
fragend nach Wo? und Woher? und Wohinaus?

Hier lache, lache meine helle heile Bosheit! Von hohen Bergen wirf
hinab dein glitzerndes Spott-Gelächter! Ködere mit deinem Glitzern mir
die schönsten Menschen-Fische!

Und was in allen Meeren _mir_ zugehört, mein An-und-für-mich in allen
Dingen - _Das_ fische mir heraus, _Das_ führe zu mir herauf: dess
warte ich, der boshaftigste aller Fischfänger.

Hinaus, hinaus, meine Angel! Hinein, hinab, Köder meines Glücks!
Träufle deinen süssesten Thau, mein Herzens-Honig! Beisse, meine
Angel, in den Bauch aller schwarzen Trübsal!

Hinaus, hinaus, mein Auge! Oh welche vielen Meere rings um mich, welch
dämmernde Menschen-Zukünfte! Und über mir - welch rosenrothe Stille!
Welch entwölktes Schweigen!



Der Nothschrei

Des nächsten Tages sass Zarathustra wieder auf seinem Steine vor der
Höhle, während die Thiere draussen in der Welt herumschweiften, dass
sie neue Nahrung heimbrächten, - auch neuen Honig: denn Zarathustra
hatte den alten Honig bis auf das letzte Korn verthan und
verschwendet. Als er aber dermaassen dasass, mit einem Stecken in
der Hand, und den Schatten seiner Gestalt auf der Erde abzeichnete,
nachdenkend und, wahrlich! nicht über sich und seinen Schatten - da
erschrak er mit Einem Male und fuhr zusammen: denn er sahe neben
seinem Schatten noch einen andern Schatten. Und wie er schnell um sich
blickte und aufstand, siehe, da stand der Wahrsager neben ihm, der
selbe, den er einstmals an seinem Tische gespeist und getränkt hatte,
der Verkündiger der grossen Müdigkeit, welcher lehrte: "Alles ist
gleich, es lohnt sich Nichts, Welt ist ohne Sinn, Wissen würgt." Aber
sein Antlitz hatte sich inzwischen verwandelt;

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Es ist Weisheit darin, Lebens-Weisheit, sich die Gesundheit selbst lange Zeit nur in kleinen Dosen zu verordnen.
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Wer zum Beispiel seine Füsse mit zwei Riemen umgürtet, träumt wohl, dass zwei Schlangen seine Füsse umringeln: diess ist zuerst eine Hypothese, sodann ein Glaube, mit einer begleitenden bildlichen Vorstellung und Ausdichtung: "diese Schlangen müssen die causa jener Empfindung sein, welche ich, der Schlafende, habe", - so urtheilt der Geist des Schlafenden.
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Spät, sehr spät - besinnt er sich: und jetzt scheinen ihm die Welt der Erfahrung und das Ding an sich so ausserordentlich verschieden und getrennt, dass er den Schluss von jener auf dieses ablehnt - oder auf eine schauerlich geheimnissvolle Weise zum Aufgeben unsers Intellectes, unsers persönlichen Willens auffordert: um dadurch zum Wesenhaften zu kommen, dass man wesenhaft werde.
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Für die Pflanze sind gewöhnlich alle Dinge ruhig, ewig, jedes Ding sich selbst gleich.
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Fürchten wir uns vor diesem Leiden nicht! Vielmehr wollen wir die Aufgabe, welche das Zeitalter uns stellt, so gross verstehen, als wir nur vermögen: so wird uns die Nachwelt darob segnen, - eine Nachwelt, die ebenso sich über die abgeschlossenen originalen Volks-Culturen hinaus weiss, als über die Cultur der Vergleichung, aber auf beide Arten der Cultur als auf verehrungswürdige Alterthümer mit Dankbarkeit zurückblickt.
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Man weiss nicht, dass der selbe Grad von Wohlbefinden auch bei anderen Sitten bestehen kann und dass selbst höhere Grade sich erreichen lassen.
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Ist nun das Unmoralische daran, Lust auf Grund der Unlust Anderer zu haben? Ist Schadenfreude teuflisch, wie Schopenhauer sagt? Nun machen wir uns in der Natur Lust durch Zerbrechen von Zweigen, Ablösen von Steinen, Kampf mit wilden Thieren und zwar, um unserer Kraft dabei bewusst zu werden.
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Wagen wir es also, einzelne Antriebe in der Seele der Heiligen und Asketen zunächst zu isoliren und zum Schluss sie in einander uns.
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Um das Gesagte zusammenzufassen: jener Seelenzustand, dessen sich der Heilige oder Heiligwerdende erfreut, setzt sich aus Elementen zusammen, welche wir Alle recht wohl kennen, nur dass sie sich unter dem Einfluss anderer als religiöser Vorstellungen anders gefärbt zeigen und dann den Tadel der Menschen ebenso stark zu erfahren pflegen, wie sie, in jener Verbrämung mit Religion und letzter Bedeutsamkeit des Daseins, auf Bewunderung, ja Anbetung rechnen dürfen, - mindestens in früheren Zeiten rechnen durften.
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Dadurch, dass man sich über ihn irrte, dass man seine Seelenzustände falsch auslegte und ihn von sich so stark als möglich abtrennte, als etwas durchaus Unvergleichliches und fremdartig-Uebermenschliches: dadurch gewann er die ausserordentliche Kraft, mit welcher er die Phantasie ganzer Völker, ganzer Zeiten beherrschen konnte.
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Der wissende Genius, wie Kepler und Spinoza, ist für gewöhnlich nicht so begehrlich und macht von seinen wirklich grösseren Leiden und Entbehrungen kein solches Aufheben.
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Schriftstellerisches Malerthum.
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Einen solchen Menschen nenne man einen Kreis: denn in ihm muss jene Zusammengehörigkeit so verschiedener Anlagen und Naturen irgendwie vorgebildet sein.
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- Fast jeder Politiker hat unter gewissen Umständen einmal einen ehrlichen Mann so nöthig, dass er, gleich einem heisshungrigen Wolfe, in einen Schafstall bricht: nicht aber um dann den geraubten Widder zu fressen, sondern um sich hinter seinen wolligen Rücken zu verstecken.
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- Das, was der Mensch in der Leidenschaft sagt, verspricht, beschliesst, nachher in Kälte und Nüchternheit zu vertreten - diese Forderung gehört zu den schwersten Lasten, welche die Menschheit drücken.
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Macht' ich's gut, so woll'n wir schweigen; Macht' ich's schlimm -, so woll'n wir lachen Und es immer schlimmer machen, Schlimmer machen, schlimmer lachen, Bis wir in die Grube steigen.