Also sprach Zarathustra: Ein Buch für Alle und Keinen

By Friedrich Nietzsche

Page 132

will: und
doch sehnt sich, oh meine Seele, dein Lächeln nach Thränen und dein
zitternder Mund nach Schluchzen.

"Ist alles Weinen nicht ein Klagen? Und alles Klagen nicht ein
Anklagen?" Also redest du zu dir selber, und darum willst du, oh meine
Seele, lieber lächeln, als dein Leid ausschütten.

- in stürzende Thränen ausschütten all dein Leid über deine Fülle und
über all die Drängniss des Weinstocks nach Winzer und Winzermesser!

Aber willst du nicht weinen, nicht ausweinen deine purpurne
Schwermuth, so wirst du _singen_ müssen, oh meine Seele! - Siehe, ich
lächle selber, der ich dir solches vorhersage:

- singen, mit brausendem Gesange, bis alle Meere still werden, dass
sie deiner Sehnsucht zuhorchen, -

- bis über stille sehnsüchtige Meere der Nachen schwebt, das güldene
Wunder, um dessen Gold alle guten schlimmen wunderlichen Dinge
hüpfen: -

- auch vieles grosse und kleine Gethier und Alles, was leichte
wunderliche Füsse hat, dass es auf veilchenblauen Pfaden laufen
kann, -

- hin zu dem güldenen Wunder, dem freiwilligen Nachen und zu seinem
Herrn: das aber ist der Winzer, der mit diamantenem Winzermesser
wartet, -

- dein grosser Löser, oh meine Seele, der Namenlose - - dem zukünftige
Gesänge erst Namen finden! Und wahrlich, schon duftet dein Athem nach
zukünftigen Gesängen, -

- schon glühst du und träumst, schon trinkst du durstig an allen
tiefen klingenden Trost-Brunnen, schon ruht deine Schwermuth in der
Seligkeit zukünftiger Gesänge! - -

Oh meine Seele, nun gab ich dir Alles und auch mein
Letztes, und alle meine Hände sind an dich leer geworden: -
_dass_ich_dich_singen_hiess_, siehe, das war mein Letztes!

Dass ich dich singen hiess, sprich nun, sprich: _wer_ von uns hat
jetzt - zu danken? - Besser aber noch: singe mir, singe, oh meine
Seele! Und mich lass danken! -

Also sprach Zarathustra.



Das andere Tanzlied

1.

"In dein Auge schaute ich jüngst, oh Leben: Gold sah ich in deinem
Nacht-Auge blinken, - mein Herz stand still vor dieser Wollust:

- einen goldenen Kahn sah ich blinken auf mächtigen Gewässern, einen
sinkenden, trinkenden, wieder winkenden goldenen Schaukel-Kahn!

Nach meinem Fusse, dem tanzwüthigen, warfst du einen Blick, einen
lachenden fragenden schmelzenden Schaukel-Blick:

Zwei Mal nur regtest du deine Klapper mit kleinen Händen - da
schaukelte schon mein Fuss vor Tanz-Wuth. -

Meine Fersen bäumten sich, meine Zehen horchten, dich zu verstehen:
trägt doch der Tänzer sein Ohr - in seinen Zehen!

Zu dir hin sprang ich: da flohst du zurück vor meinem Sprunge; und
gegen mich züngelte deines fliehenden fliegenden Haars Zunge!

Von dir weg sprang ich und von deinen Schlangen: da standst du schon,
halbgewandt, das Auge voll Verlangen.

Mit krummen Blicken - lehrst du mich krumme Bahnen; auf krummen Bahnen
lernt mein Fuss - Tücken!

Ich fürchte

Last Page Next Page

Text Comparison with Beyond Good and Evil

Page 0
Dedicator recognizes that, once placed in the public domain, the Work may be freely reproduced, distributed, transmitted, used, modified, built upon, or otherwise exploited by anyone for any purpose, commercial or non-commercial, and in any way, including by methods that have not yet been invented or conceived.