Also sprach Zarathustra: Ein Buch für Alle und Keinen

By Friedrich Nietzsche

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ihr die Wollust, die Steine in steile Tiefen rollt? - Diese
Menschen von heute: seht sie doch, wie sie in meine Tiefen rollen!

Ein Vorspiel bin ich besserer Spieler, oh meine Brüder! Ein Beispiel!
_Thut_ nach meinem Beispiele!

Und wen ihr nicht fliegen lehrt, den lehrt mir - schneller fallen! -


21.

Ich liebe die Tapferen: aber es ist nicht genug, Hau-Degen sein, - man
muss auch wissen Hau-schau-_Wen_!

Und oft ist mehr Tapferkeit darin, dass Einer an sich hält und
vorübergeht: _damit_ er sich dem würdigeren Feinde aufspare!

Ich sollt nur Feinde haben, die zu hassen sind, aber nicht Feinde zum
Verachten: ihr müsst stolz auf euren Feind sein: also lehrte ich schon
Ein Mal.

Dem würdigeren Feinde, oh meine Freunde, sollt ihr euch aufsparen:
darum müsst ihr an Vielem vorübergehn, -

- sonderlich an vielem Gesindel, das euch in die Ohren lärmt von Volk
und Völkern.

Haltet euer Auge rein von ihrem Für und Wider! Da giebt es viel Recht,
viel Unrecht: wer da zusieht, wird zornig.

Dreinschaun, dreinhaun - das ist da Eins: darum geht weg in die Wälder
und legt euer Schwert schlafen!

Geht _eure_ Wege! Und lasst Volk und Völker die ihren gehn! - dunkle
Wege wahrlich, auf denen auch nicht Eine Hoffnung mehr wetterleuchtet!

Mag da der Krämer herrschen, wo Alles, was noch glänzt - Krämer-Gold
ist! Es ist die Zeit der Könige nicht mehr: was sich heute Volk
heisst, verdient keine Könige.

Seht doch, wie diese Völker jetzt selber den Krämern gleich thun: sie
lesen sich die kleinsten Vortheile noch aus jedem Kehricht!

Sie lauern einander auf, sie lauern einander Etwas ab, - das heissen
sie "gute Nachbarschaft." Oh selige ferne Zeit, wo ein Volk sich
sagte: "ich will über Völker - _Herr_ sein!"

Denn, meine Brüder: das Beste soll herrschen, das Beste will auch
herrschen! Und wo die Lehre anders lautet, da - _fehlt_ es am Besten.


22.

Wenn _Die_ - Brod umsonst hätten, wehe! Wonach würden _Die_ schrein!
Ihr Unterhalt - das ist ihre rechte Unterhaltung; und sie sollen es
schwer haben!

Raubthiere sind es.- in ihrem "Arbeiten" - da ist auch noch Rauben, in
ihrem "Verdienen" - da ist auch noch Überlisten! Darum sollen sie es
schwer haben!

Bessere Raubthiere sollen sie also werden, feinere, klügere,
_menschen-ähnlichere_: der Mensch nämlich ist das beste Raubthier.

Allen Thieren hat der Mensch schon ihre Tugenden abgeraubt: das macht,
von allen Thieren hat es der Mensch am schwersten gehabt.

Nur noch die Vögel sind über ihm. Und wenn der Mensch noch fliegen
lernte, wehe! _wohinauf_ - würde seine Raublust fliegen!


23.

So will ich Mann und Weib: kriegstüchtig den Einen, gebärtüchtig das
Andre, beide aber tanztüchtig mit Kopf und Beinen.

Und verloren sei

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Ich liebe Den, welcher seine Tugend liebt: denn Tugend ist Wille zum Untergang und ein Pfeil der Sehnsucht.
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Aber ich will sie euch noch in andern Farben zeigen.
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Vielleicht liebt er an dir das ungebrochne Auge und den Blick der Ewigkeit.
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Eure schlechte Liebe zu euch selber macht euch aus der Einsamkeit ein Gefängniss.
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Und Der soll das Unrecht auf sich nehmen, der es tragen kann! Eine kleine Rache ist menschlicher, als gar keine Rache.
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Und nun wollte ich, ihr berühmten Weisen, ihr würfet endlich das Fell des Löwen ganz von euch! Das Fell des Raubthiers, das buntgefleckte, und die Zotten des Forschenden, Suchenden, Erobernden! Ach, dass ich an eure "Wahrhaftigkeit" glauben lerne, dazu müsstet ihr mir erst euren verehrenden Willen zerbrechen.
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" Also im Herzen beschliessend fuhr ich über das.
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Verachtung ist noch in seinem Auge; und Ekel birgt sich an seinem Munde.
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Ein Kind erzählte mir's.
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Grässlich erschrak ich darob: es warf mich nieder.
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Hoher! Das ist mir nun deine Reinheit, dass es keine ewige Vernunft-Spinne und -Spinnennetze giebt: - - dass du mir ein Tanzboden bist für göttliche Zufälle, dass du mir ein Göttertisch bist für göttliche Würfel und Würfelspieler! - Doch du erröthest? Sprach ich Unaussprechbares? Lästerte ich, indem ich dich segnen wollte? Oder ist es die Scham zu Zweien, welche dich erröthen machte? - Heissest du mich gehn und schweigen, weil nun - der _Tag_ kommt? Die Welt ist tief -: und tiefer als je der Tag gedacht hat.
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Aber dazu habe ich zu reinliche Hände.
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"Lass doch die Welt der Welt sein! Hebe dawider auch nicht Einen Finger auf!" "Lass, wer da wolle, die Leute würgen und stechen und schneiden und schaben: hebe dawider auch nicht Einen Finger auf! Darob lernen sie noch der Welt absagen.
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- Meine Fersen bäumten sich, meine Zehen horchten, dich zu verstehen: trägt doch der Tänzer sein Ohr - in seinen Zehen! Zu dir hin sprang ich: da flohst du zurück vor meinem Sprunge; und gegen mich züngelte deines fliehenden fliegenden Haars Zunge! Von dir weg sprang ich und von deinen Schlangen: da standst du schon, halbgewandt, das Auge voll Verlangen.
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Denn einst muss er doch kommen und darf nicht vorübergehn.
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"Sei mir willkommen, sagte Zarathustra, du Wahrsager der grossen Müdigkeit, du sollst nicht umsonst einstmals mein Tisch- und Gastfreund gewesen sein.
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"Oh Zarathustra, hob er mit trauriger Stimme an, du stehst nicht da wie Einer, den sein Glück drehend macht: du wirst tanzen müssen, dass du mir nicht umfällst! Aber wenn du auch vor mir tanzen wolltest und alle deine Seitensprünge springen: Niemand soll mir doch sagen dürfen: `Siehe, hier tanzt der letzte frohe Mensch!` Umsonst käme Einer auf diese Höhe, der den hier suchte: Höhlen fände er wohl und Hinter-Höhlen, Verstecke für Versteckte, aber nicht Glücks-Schachte und Schatzkammern und neue Glücks-Goldadern.
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Auch, wie mich dünkt, dein Magen selber nicht: _dem_ widersteht all solches Zürnen und Hassen und Überschäumen.
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Süsse Leier! Süsse Leier! Ich liebe deinen Ton, deinen trunkenen Unken-Ton! - wie lang her, wie fern her kommt mir dein Ton, weit her, von den Teichen der Liebe! Du alte Glocke, du süsse Leier! Jeder Schmerz riss dir in's Herz, Vaterschmerz, Väterschmerz, Urväterschmerz, deine Rede wurde reif,- - reif gleich goldenem Herbste und Nachmittage, gleich meinem Einsiedlerherzen - nun redest du: die Welt selber ward reif, die Traube bräunt, - nun will sie sterben, vor Glück sterben.
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"Hier ist ja der Stein, sprach er und strich sich den Bart, auf _dem_ sass ich gestern am Morgen; und hier trat der Wahrsager zu mir, und hier hörte ich zuerst den Schrei, den ich eben hörte, den grossen Nothschrei.