Also sprach Zarathustra: Ein Buch für Alle und Keinen

By Friedrich Nietzsche

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- wer vom
Pöbel ist, dessen Gedenken geht zurück bis zum Grossvater, - mit dem
Grossvater aber hört die Zeit auf.

Also ist alles Vergangene preisgegeben: denn es könnte einmal kommen,
dass der Pöbel Herr würde und in seichten Gewässern alle Zeit
ertränke.

Darum, oh meine Brüder, bedarf es eines _neuen_Adels_, der allem Pöbel
und allem Gewalt-Herrischen Widersacher ist und auf neue Tafeln neu
das Wort schreibt "edel".

Vieler Edlen nämlich bedarf es und vielerlei Edlen, dass es Adel gebe!
Oder, wie ich einst im Gleichniss sprach: "Das eben ist Göttlichkeit,
dass es Götter, aber keinen Gott giebt!"


12.

Oh meine Brüder, ich weihe und weise euch zu einem neuen Adel: ihr
sollt mir Zeuger und Züchter werden und Säemänner der Zukunft, -

- wahrlich, nicht zu einem Adel, den ihr kaufen könntet gleich den
Krämern und mit Krämer-Golde: denn wenig Werth hat Alles, was seinen
Preis hat.

Nicht, woher ihr kommt, mache euch fürderhin eure Ehre, sondern wohin
ihr geht! Euer Wille und euer Fuss, der über euch selber hinaus will,
- das mache eure neue Ehre!

Wahrlich nicht, dass ihr einem Fürsten gedient habt - was liegt noch
an Fürsten! - oder dem, was steht, zum Bollwerk wurdet, dass es fester
stünde!

Nicht, dass euer Geschlecht an Höfen höfisch wurde, und ihr lerntet,
bunt, einem Flamingo ähnlich, lange Stunden in flachen Teichen stehn.

- Denn Stehen-_können_ ist ein Verdienst bei Höflingen; und
alle Höflinge glauben, zur Seligkeit nach dem Tode gehöre -
Sitzen-_dürfen_! -

Nicht auch, dass ein Geist, den sie heilig nennen, eure Vorfahren in
gelobte Länder führte, die _ich_ nicht lobe: denn wo der schlimmste
aller Bäume wuchs, das Kreuz, - an dem Lande ist Nichts zu loben! -

- und wahrlich, wohin dieser "heilige Geist" auch seine Ritter führte,
immer liefen bei solchen Zügen - Ziegen und Gänse und Kreuz- und
Querköpfe _voran_! -

Oh meine Brüder, nicht zurück soll euer Adel schauen, sondern
_hinaus_! Vertriebene sollt ihr sein aus allen Vater- und
Urväterländern!

Eurer Kinder Land sollt ihr lieben: diese Liebe sei euer neuer Adel,
- das unentdeckte, im feinsten Meere! Nach ihm heisse ich eure Segel
suchen und suchen!

An euren Kindern sollt ihr _gutmachen_, dass ihr eurer Väter Kinder
seid: alles Vergangene sollt ihr _so_ erlösen! Diese neue Tafel stelle
ich über euch!


13.

"Wozu leben? Alles ist eitel! Leben - das ist Stroh dreschen; Leben -
das ist sich verbrennen und doch nicht warm werden." -

Solch alterthümliches Geschwätz gilt immer noch als "Weisheit"; dass
es aber alt ist und dumpfig riecht, _darum_ wird es besser geehrt.
Auch der Moder adelt. -

Kinder durften so reden: die _scheuen_ das Feuer, weil es sie brannte!
Es ist viel Kinderei in den alten Büchern

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Text Comparison with Götzen-Dämmerung

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FRIEDRICH NIETZSCHE.
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Vor Sokrates lehnte man in der guten Gesellschaft die dialektischen Manieren ab: sie galten als schlechte Manieren, sie stellten bloss.
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Von einer "andren" Welt als dieser zu fabeln hat gar keinen Sinn, vorausgesetzt, dass nicht ein Instinkt der Verleumdung, Verkleinerung, Verdächtigung des Lebens in uns mächtig ist: im letzteren Falle rächen wir uns am Leben mit der Phantasmagorie eines "anderen", eines "besseren" Lebens.
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Ich bin seit siebzehn Jahren nicht müde geworden, den entgeistigenden Einfluss unsres jetzigen Wissenschafts-Betriebs an's Licht zu stellen.
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- Unsre überfüllten Gymnasien, unsre überhäuften, stupid gemachten Gymnasiallehrer sind ein Skandal: um diese Zustände in Schutz zu nehmen, wie es jüngst die Professoren von Heidelberg gethan haben, dazu hat man vielleicht.
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Im dionysischen Zustande ist dagegen das gesammte Affekt-System erregt und gesteigert: so dass es alle seine Mittel des Ausdrucks mit einem Male entladet und die Kraft des Darstellens, Nachbildens, Transfigurirens, Verwandelns, alle Art Mimik und Schauspielerei zugleich.
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Keine geringere Autorität als die des göttlichen Plato (- so nennt ihn Schopenhauer selbst) hält einen andern Satz aufrecht: dass alle Schönheit zur Zeugung reize, - dass dies gerade das.
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Plato geht weiter.
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Warum doch? - Weil sie Gäste erwarten, mit denen man nicht "fürlieb nimmt" 26.
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Man sollte, aus Liebe zum Leben -, den Tod anders wollen, frei, bewusst, ohne Zufall, ohne Überfall.
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Aber fast alle Existenzformen, die wir heute auszeichnen, haben ehemals unter dieser halben Grabesluft gelebt: der wissenschaftliche Charakter, der Artist, das Genie, der freie Geist, der Schauspieler, der Kaufmann, der grosse Entdecker.
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Die prachtvoll geschmeidige Leiblichkeit, der verwegene Realismus und Immoralismus, der dem Hellenen eignet, ist eine Noth, nicht eine "Natur" gewesen.