Also sprach Zarathustra: Ein Buch für Alle und Keinen

By Friedrich Nietzsche

Page 108

und ausschenkend:

- bis du endlich durstig allein unter Trunkenen sassest und nächtlich
klagtest `ist Nehmen nicht seliger als Geben? Und Stehlen noch seliger
als Nehmen?` - _Das_ war Verlassenheit!

Und weisst du noch, oh Zarathustra? Als deine stillste Stunde kam und
dich von dir selber forttrieb, als sie mit bösem Flüstern sprach:
`Sprich und zerbrich!` -

- als sie dir all dein Warten und Schweigen leid machte und deinen
demüthigen Muth entmuthigte: _Das_ war Verlassenheit!" -

Oh Einsamkeit! Du meine Heimat Einsamkeit! Wie selig und zärtlich
redet deine Stimme zu mir!

Wir fragen einander nicht, wir klagen einander nicht, wir gehen offen
mit einander durch offne Thüren.

Denn offen ist es bei dir und hell; und auch die Stunden laufen hier
auf leichteren Füssen. Im Dunklen nämlich trägt man schwerer an der
Zeit, als im Lichte.

Hier springen mir alles Seins Worte und Wort-Schreine auf: alles Sein
will hier Wort werden, alles Werden will hier von mir reden lernen.

Da unten aber - da ist alles Reden umsonst! Da ist Vergessen und
Vorübergehn die beste Weisheit: _Das_ - lernte ich nun!

Wer Alles bei den Menschen begreifen wollte, der müsste Alles
angreifen. Aber dazu habe ich zu reinliche Hände.

Ich mag schon ihren Athem nicht einathmen; ach, dass ich so lange
unter ihrem Lärm und üblem Athem lebte!

Oh selige Stille um mich! Oh reine Gerüche um mich! Oh wie aus tiefer
Brust diese Stille reinen Athem holt! Oh wie sie horcht, diese selige
Stille!

Aber da unten - da redet Alles, da wird Alles überhört. Man mag seine
Weisheit mit Glocken einläuten: die Krämer auf dem Markte werden sie
mit Pfennigen überklingeln!

Alles bei ihnen redet, Niemand weiss mehr zu verstehn. Alles fällt
in's Wasser, Nichts fällt mehr in tiefe Brunnen.

Alles bei ihnen redet, Nichts geräth mehr und kommt zu Ende. Alles
gackert, aber wer will noch still auf dem Neste sitzen und Eier
brüten?

Alles bei ihnen redet, Alles wird zerredet. Und was gestern noch zu
hart war für die Zeit selber und ihren Zahn: heute hängt es zerschabt
und zernagt aus den Mäulern der Heutigen.

Alles bei ihnen redet, Alles wird verrathen. Und was einst
Geheimniss hiess und Heimlichkeit tiefer Seelen, heute gehört es den
Gassen-Trompetern und andern Schmetterlingen.

Oh Menschenwesen, du wunderliches! Du Lärm auf dunklen Gassen! Nun
liegst du wieder hinter mir: - meine grösste Gefahr liegt hinter mir!

Im Schonen und Mitleiden lag immer meine grösste Gefahr; und alles
Menschenwesen will geschont und gelitten sein.

Mit verhaltenen Wahrheiten, mit Narrenhand und vernarrtem Herzen und
reich an kleinen Lügen des Mitleidens: - also lebte ich immer unter
Menschen.

Verkleidet sass ich unter ihnen, bereit, _mich_ zu verkennen, dass ich
_sie_ ertrüge, und

Last Page Next Page

Text Comparison with Götzen-Dämmerung

Page 6
Der Moralismus der griechischen Philosophen von Plato ab ist pathologisch bedingt; ebenso ihre Schätzung der Dialektik.
Page 9
Zweiter Satz.
Page 15
.
Page 17
Es genügt uns niemals, einfach bloss die Thatsache, dass wir uns so und so befinden, festzustellen: wir lassen diese Thatsache erst zu, - werden ihrer bewusst -, wenn wir ihr eine Art Motivirung gegeben haben.
Page 18
Dieselben sind bedingt als Strafen, als eine Abzahlung für Etwas, das wir nicht hätten thun, das wir nicht hätten sein sollen (in impudenter Form von Schopenhauer zu einem Satze verallgemeinert, in dem die Moral als Das erscheint, was sie ist, als eigentliche Giftmischerin und Verleumderin des Lebens: "jeder grosse Schmerz, sei er leiblich, sei er geistig, sagt aus, was wir verdienen; denn er könnte nicht an uns kommen, wenn wir ihn nicht verdienten.
Page 20
Wir leugnen Gott, wir leugnen die Verantwortlichkeit in Gott: damit erst erlösen wir die Welt.
Page 22
" - 4.
Page 23
.
Page 31
heraustreibt.
Page 32
Darwin hat den Geist vergessen (- das ist englisch!), die Schwachen haben mehr Geist.
Page 33
Jener da ist auch ein Menschenkenner: und ihr sagt, der wolle Nichts damit für sich, das sei ein grosser "Unpersönlicher".
Page 34
Fügen wir sofort noch deren zweite hinzu: Nichts ist hässlich als der entartende Mensch, - damit ist das Reich des ästhetischen Urtheils umgrenzt.
Page 35
die Prämissen dazu sind in ungeheurer Fülle im Instinkte aufgehäuft.
Page 37
Das macht, es fehlt ihnen das Wort.
Page 39
Jeder Einzelne darf darauf hin angesehen werden, ob er die aufsteigende oder die absteigende Linie des Lebens darstellt.
Page 43
.
Page 46
- Ich sehe durchaus nicht ab, was man mit dem europäischen Arbeiter machen will, nachdem man erst eine Frage aus ihm gemacht hat.
Page 51
Goethe concipirte einen starken, hochgebildeten, in aller Leiblichkeiten geschickten, sich selbst im Zaume habenden, vor sich selber ehrfürchtigen Menschen, der sich den.
Page 53
.
Page 56
.