Also sprach Zarathustra: Ein Buch für Alle und Keinen

By Friedrich Nietzsche

Page 104

zusammenschwärt: -

- speie auf die grosse Stadt und kehre um!" - -

Hier aber unterbrach Zarathustra den schäumenden Narren und hielt ihm
den Mund zu.

"Höre endlich auf! rief Zarathustra, mich ekelt lange schon deiner
Rede und deiner Art!

Warum wohntest du so lange am Sumpfe, dass du selber zum Frosch und
zur Kröte werden musstest?

Fliesst dir nicht selber nun ein faulichtes schaumichtes Sumpf-Blut
durch die Adern, dass du also quaken und lästern lerntest?

Warum giengst du nicht in den Wald? Oder pflügtest die Erde? Ist das
Meer nicht voll von grünen Eilanden?

Ich verachte dein Verachten; und wenn du mich warntest, - warum
warntest du dich nicht selber?

Aus der Liebe allein soll mir mein Verachten und mein warnender Vogel
auffliegen: aber nicht aus dem Sumpfe! -

Man heisst dich meinen Affen, du schäumender Narr: aber ich heisse
dich mein Grunze-Schwein, - durch Grunzen verdirbst du mir noch mein
Lob der Narrheit.

Was war es denn, was dich zuerst grunzen machte? Dass Niemand dir
genug _geschmeichelt_ hat: - darum setztest du dich hin zu diesem
Unrathe, dass du Grund hättest viel zu grunzen, -

- dass du Grund hättest zu vieler _Rache_! Rache nämlich, du eitler
Narr, ist all dein Schäumen, ich errieth dich wohl!

Aber dein Narren-Wort thut _mir_ Schaden, selbst, wo du Recht hast!
Und wenn Zarathustra's Wort sogar hundert Mal Recht _hätte_: du
würdest mit meinem Wort immer - Unrecht _thun_!"

Also sprach Zarathustra; und er blickte die grosse Stadt an, seufzte
und schwieg lange. Endlich redete er also:

Mich ekelt auch dieser grossen Stadt und nicht nur dieses Narren. Hier
und dort ist Nichts zu bessern, Nichts zu bösern.

Wehe dieser grossen Stadt! - Und ich wollte, ich sähe schon die
Feuersäule, in der sie verbrannt wird!

Denn solche Feuersäulen müssen dem grossen Mittage vorangehn. Doch
diess hat seine Zeit und sein eigenes Schicksal. -

Diese Lehre aber gebe ich dir, du Narr, zum Abschiede: wo man nicht
mehr lieben kann, da soll man - _vorübergehn_! -

Also sprach Zarathustra und gieng an dem Narren und der grossen Stadt
vorüber.



Von den Abtrünnigen

1.

Ach, liegt Alles schon welk und grau, was noch jüngst auf dieser Wiese
grün und bunt stand? Und wie vielen Honig der Hoffnung trug ich von
hier in meine Bienenkörbe!

Diese jungen Herzen sind alle schon alt geworden, - und nicht alt
einmal! nur müde, gemein, bequem: - sie heissen es "Wir sind wieder
fromm geworden."

Noch jüngst sah ich sie in der Frühe auf tapferen Füssen hinauslaufen:
aber ihre Füsse der Erkenntniss wurden müde, und nun verleumden sie
auch noch ihre Morgen-Tapferkeit!

Wahrlich, Mancher von ihnen hob einst die Beine wie ein Tänzer, ihm
winkte das Lachen in meiner

Last Page Next Page

Text Comparison with Menschliches, Allzumenschliches: Ein Buch Fuer Freie Geister

Page 1
Was ich aber immer wieder am nöthigsten brauchte, zu meiner Kur und Selbst-Wiederherstellung, das war der Glaube, nicht dergestalt einzeln zu sein, einzeln zu sehn, - ein zauberhafter Argwohn von Verwandtschaft und Gleichheit in Auge und Begierde, ein Ausruhen im Vertrauen der Freundschaft, eine Blindheit zu Zweien ohne Verdacht und Fragezeichen, ein Genuss an Vordergründen, Oberflächen, Nahem, Nächstem, an Allem, was Farbe, Haut und Scheinbarkeit hat.
Page 17
Die Zahl.
Page 26
Zweites Hauptstück.
Page 33
48.
Page 39
67.
Page 51
Alle Lust an sich selber ist weder gut noch böse; woher sollte die Bestimmung kommen, dass man, um Lust an sich selber zu haben, keine Unlust Anderer erregen dürfe? Allein vom Gesichtspuncte des Nutzens her, das heisst aus Rücksicht auf die Folgen, auf eventuelle Unlust, wenn der Geschädigte oder der stellvertretende Staat Ahndung und Rache erwarten lässt: nur Diess kann ursprünglich den Grund abgegeben haben, solche Handlungen sich zu versagen.
Page 66
Man liebt weder Vater, noch Mutter, noch Frau, noch Kind, sondern die angenehmen Empfindungen, die sie uns machen", oder wie La Rochefoucauld sagt: "si on croit aimer sa maîtresse pour l'amour d'elle, on est bien trompe'.
Page 70
Nachdem ich, in vielen der schwerer erklärbaren Handlungen, Aeusserungen jener Lust an der Emotion an sich gefunden habe, möchte ich auch in Betreff der Selbstverachtung, welche zu den Merkmalen der Heiligkeit gehört, und ebenso in den Handlungen der Selbstquälerei (durch Hunger und Geisselschläge, Verrenkungen der Glieder, Erheuchelung des Wahnsinns) ein Mittel erkennen, durch welches jene Naturen gegen die allgemeine Ermüdung ihres Lebenswillens (ihrer Nerven) ankämpfen: sie.
Page 73
Erregen, beleben, beseelen, um jeden Preis - ist das nicht das Losungswort einer erschlafften, überreifen, übercultivirten Zeit? Der Kreis aller natürlichen Empfindungen war hundertmal durchlaufen, die Seele war ihrer müde geworden: da erfanden der Heilige und der Asket eine neue Gattung von Lebensreizen.
Page 74
Es versteht sich von selbst, dass dieser Zeichnung des Heiligen, welche nach dem Durchschnitt der ganzen Gattung entworfen ist, manche Zeichnung entgegengestellt werden kann, welche eine angenehmere Empfindung hervorbringen möchte.
Page 101
Vielmehr muss zweierlei zusammen kommen: einmal die Mehrung der stabilen Kraft durch Bindung der Geister in Glauben und Gemeingefühl; sodann die Möglichkeit, zu höheren Zielen zu gelangen, dadurch dass entartende Naturen und, in Folge derselben, theilweise Schwächungen und Verwundungen der stabilen Kraft vorkommen; gerade die schwächere Natur, als die zartere und freiere, macht alles Fortschreiten überhaupt möglich.
Page 116
Eine Cultur der Männer.
Page 137
365.
Page 146
Es kommt vielleicht vor, dass die ganze Philosophie im Kopf einer alten Frau aus lauter solchen todten Stellen besteht.
Page 150
Missklang zweier Consonanzen.
Page 151
Zuerst nämlich muss es Einigen mehr als je, erlaubt sein, sich der Politik zu enthalten und ein Wenig bei Seite zu treten: dazu treibt auch sie die.
Page 155
Dagegen soll man nun lernen - gemäss einem Princip, welches rein aus dem Kopfe entsprungen ist und erst Geschichte machen soll -, dass Regierung Nichts als ein Organ des Volkes sei, nicht ein vorsorgliches, verehrungswürdiges "Oben" im Verhältniss zu einem an Bescheidenheit gewöhnten "Unten".
Page 161
Sobald diess eintritt, wandelt sich die Stimmung der noch religiös bewegten Menschen, welche früher den Staat als etwas Halb- oder Ganzheiliges adorirten, in eine entschieden staatsfeindliche um; sie lauern den Maassregeln der Regierung auf, suchen zu hemmen, zu kreuzen,.
Page 169
Ebenso geht es Frauen mit ihren Liebhabern.
Page 179
Weil sie nicht ehrt, so sind ehrsüchtige Menschen insgeheim oder öffentlich gegen das Geliebtwerden widerspänstig.